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14.03.2003

Lust und Mord

Lust und Mord

Der Regisseur Luc Bondy war wenig begeistert: "Bei dem Text von Wilde ist es so, als würde man Konfitüre über Zucker streichen und das Ganze mit Honig vermischen, um dann etwas Erdbeer- und Johannisbeersirup hinzuzufügen und das Ganze am Schluss in Schlagsahne und heißer Schokoladensoße zu ertränken". Schließlich inszenierte er die "Salome" doch, in der Opernversion von Richard Strauss für die Salzburger Festspiele den Londoner Covent Garden.

Die Angst der Männer vor der entfesselten, selbstbestimmten Weiblichkeit gehörte zu den Topoi des Fin-de-Siècle. Klimt malte die geheimnisvolle Judith, Freud suchte nach dem Wesen der Hysterie, der Vamp und die femme fatale wurden zu den typischen Gestalten der Epoche, die wie ihr Gegenbild, die jungfräulich ätherische femme fragile, als Domestizierungsmodelle verunsicherter Emotionalität dienten. In diesen Zusammenhang passte auch Salome. Immerhin gehörte sie zu den apokryphen Schreckensbildern der christlichen Überlieferung, männermordend im übertragenen Sinne, indem sie sich den Kopf von Johannes dem Täufer auf einem Tablett servieren ließ (Link zum Videostream). Oscar Wilde hatte aus der konfusen Überlieferung, die zwischen lüsternem Exotismus und Machismus lavierte und über das 19.Jahrhundert hinweg bereits mehrere Bearbeitungen von Heinrich Heine bis Mallarmé erfahren hatte, ein skandalumwobenes Drama gemacht. Aubrey Breardsley illustrierte es publikumswirksam und so war Stoff um die Jahrhundertwende in der kulturellen Diskussion präsent.

Als 1903 die deutsche Übersetzung des Schauspiels von Hedwig Lachmann erschien und Max Reinhardt den Stoff in Berlin inszenierte, war Richard Strauss sofort Feuer und Flamme, das Spektakel zu einer Oper umzuarbeiten. Dabei war die "Salome" für ihn in mehrfacher Hinsicht wichtig. Zum einen gelang ihm mit dem ungewöhnlichen Stoff und der ebenso individualisierenden Vertonung sich vom Stigma des Wagner-Adepten zu befreien, das ihm als Singspielkomponist bislang anhaftete. Darüber hinaus schuf er mit der Verarbeitung einer literarischen Vorlage die erste sogenannte Literaturoper in der deutschen Musikgeschichte, die sich als Gattung in den folgenden Jahren von Bergs "Wozzeck" bis Reimanns "Lear" als außerordentlich produktiv erwies. Für den Musikwissenschaftler Heinz Becker stellte daher die "Salome innerhalb von Straussens Schaffen einen Sonderfall dar, denn zum ersten und einzigen Mal durchbrach der Komponist hier das traditionelle Reglement der tonalen Konzeption und benutzte die Bitonalität als Mittel der Personencharakteristik. Der Stoff reicht in die Bezirke der Sexualpsychologie, streift das Perverse und enthüllt die Doppelnatur des menschlichen Ichs". Er war damit nur so geschaffen für die bigotte Gesellschaft des Fin-de-Siècle, die bei allem Protest im Anschluss an die Uraufführung in Dresden 1905 Strauss für seine dritte Oper feierte. In den folgenden Jahren wurde er mit Auszeichnungen überhäuft und erhielt für sein Werk unter anderem das Kreuz der französischen Ehrenlegion. Von den Tantiemen schließlich konnte er sich seine Villa in Garmisch bauen.

So ist "Salome" ein Markstein der Opernentwicklung und bliebt zugleich ein ungewöhnlich kompliziertes Werk in der Umsetzung. Das beginnt bereits bei der Titelrolle, die zum einen beachtliche Erfahrung als Sängerin erfordert, andererseits aber jugendliche Reize voraussetzt, um die erotische Kraft des Schleiertanzes plausibel bleiben zu lassen. Die Probleme gehen aber noch tiefer, etwa in der Frage nach der Inszenierung, die auf Exotistisches und Orientalisches festgelegt zu sein scheint. Um diese Form des Schwulstes zu vermeiden, hat Luc Bondy das Geschehen bewusst in eine Art Underground-Raum verlegt: "Ich habe mit Sturm gearbeitet, wir haben uns die Bilder angesehen, und plötzlich hatte ich einen Geistesblitz: Wir werden einen archaischen Thriller machen. Und ganz sicher keinen Orientalismus! Ich nehme die ganzen Statisten heraus und behalte nur dann und wann einen Sklaven. Das ist alles. Da die Musik nach Wien führt, dachten wir an ein Ambiente, das die Habsburger, die Fin-de Siécle-Monarchie heraufbeschwört". Tatsächlich sieht man die k.u.k. Umgebung nur in Form einer großen, architektonisch fürstlichen Fensterfront. Herodes (Kenneth Riegel) wiederum wird als debiler, tuntenhafter Lustmolch charakterisiert, Johannes = Jochanaan (Bryn Terfel) wirkt wie ein germanischer Hüne, Wagner entschlüpft. Catherine Malfitano schließlich gelingt als "Salome" das Kunststück, in jeder Hinsicht ihre Rolle auszufüllen und so ist die Aufnahme der Aufführung im Londoner Covent Garden von 1997 eine ebenso zeitgemäße wie intensive Umsetzung einer Skandaloper, deren Radikalität auch nach hundert Jahren noch verblüfft.