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07.03.2003

Stimmenwunder

Stimmenwunder

Carl Philipp Emanuel Bach war ein geschickter Promoter. Um das Werk seines Vater möglichst wirkungsvoll unter die Leute zu bringen, brachte er wohl mache Geschichte in Umlauf, die die mythische Aura des Meisters unterstrich. Ein Gerücht zum Beispiel besagt, dass Bach Senior die Arbeit an der vermeintlich letzten und unvollendeten Fuge unterbrach, um noch den Choral "Wenn wir in höchsten Nöten sein" als geistige Überhöhung der Sammlung zu schreiben. Belegen kann das keiner, ebenso wenig wie die vielen anderen Vermächtnis-Legenden, die sich um die "Kunst der Fuge" ranken.

Manche Musiker behaupten, man könne sich mit der "Kunst der Fuge" ein Leben lang beschäftigen. Johann Sebastian Bach selbst nahm sich die Sammlung sehr unterschiedlicher Motivbearbeitung über 13 Jahre hinweg immer wieder vor. Die ersten Fugen entstanden um 1737, die letzten einschließlich der unvollendeten Nr. 18 um 1749, kurz vor dem Tod des Komponisten. Allerdings hinterließ er wenig Angaben, wie man mit der ursprünglich allem Anschein nach für Klavier konzipierten Zusammenstellung umgehen solle. Es fehlen klare Aussagen über die Reihenfolge der Fugen. Vier davon sind als Kanon gestaltet. Es gibt die Theorie, die Stücke seien eigentlich "Augenmusik", nicht zur Aufführung, sondern zum logischen Nachverfolgen an der Partitur gedacht. Die Tempi sind variabel, die Instrumentierung erlaubt ein Umsetzung auf Klavier oder Cembalo ebenso wie im Orchester oder Streichquartett. Es ist noch nicht einmal wahrscheinlich, dass Bach der Sammlung den heutigen Titel gegeben hat, weil ihm die Anspielung auf die "Kunst" viel zu hochtrabend gewesen sein dürfte. Aus kulturhistorischer Perspektive liegt eher der Gedanke nahe, dass die Kompositionen Versuche waren, sich behutsam von der Funktionsorientierung seines Berufs zu lösen, die ihm bestimmte Werke oktroyierte - wenn man so will, ein frühaufklärerischer Schritt in die kreative Freiheit.

Fest steht allerdings, dass die "Kunst der Fuge" ihren Titel zurecht hat. Denn die Konsequenz der strukturellen Gestaltung sucht in der klassischen Tradition ihresgleichen. Und die Interpretation in Form des Kammerquartetts bietet sich gegenüber der Klavier- wie auch der Orchestervariante aufgrund ihrer klanglichen Transparenz an. Die Klarheit des Stimmverlaufs wird durch die Verteilung auf vier Streichinstrumente unterstrichen, deren obertonreicher Charakter die Differenzierung der einzelnen Linien erleichtert und noch dazu vokale, gesangsnahe Qualitäten hat. Das ungarischen Keller Quartet, das mit András Keller (Violine), János Pilz (Violine), Zoltán Gál (Viola) und Ottó Kertész (Cello) zu den internationalen Spitzenensembles zählt, nähert sich dem Werkkorpus daher ohne interpretationsmythischem Ballast und legt Wert auf die Klarheit der formalen Gestalt. Symmetrien zwischen einzelnen Fugenkomplexen werden aufgezeigt, Strukturen offenbart, doch der musikalisch sangbare Kern bleibt zugunsten der Lebendigkeit der Interpretation erhalten. So entstand eine ungewöhnlich spannungsreiche Einspielung des komplexen Zyklus, die sogar Wolfgang Schreiber in der Süddeutschen Zeitung euphorisch lobte: "Das ungarische Keller Quartett präsentiert nicht nur klingende Mathematik, sondern musikalische Schönheit in höchster Transparenz, Logik, Balance - nahe der Vollendung".

Die Referenz:

" Das ungarische Keller Quartett präsentiert nicht nur klingende Mathematik, sondern musikalische Schönheit in höchster Transparenz, Logik, Balance - nahe der Vollendung." (Wolfgang Schreiber, Süddeutsche Zeitung)