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07.03.2003

Erleuchtung

Erleuchtung

Bayreuth hustete. Ungeachtet der Tatsache, dass mit dem 74jährigen Hans Knappertsbusch einer der profiliertesten Wagner-Dirigenten seiner Generation am Pult stand, konnte das Publikum der Aufführungen vom August 1962 sich nicht beherrschen und ließ vor allem an leisen Stellen des ersten Aufzugs immer wieder die Lungen sprechen. Trotzdem wurden die Aufnahmen dieser Wochen zu Klassikern der Schallplattengeschichte. Denn einen "Parsifal"-Spezialisten wie Knappertsbusch brachten auch ein paar Ignoranten auf dem grünen Hügel nicht aus der Ruhe.

Die Verehrung für den hageren Dirigenten mit dem stechenden Blick nahm in den frühen Sechzigern zuweilen messianische Züge an. Hans Knappertsbusch, geboren 1888 in Elberfeld, debütierte als Orchesterleiter bereits 1910 in Mühlheim an der Ruhr, assistierte in Bayreuth und war schon als junger Mann vom Wagner-Kult der Vorkriegsjahre gefangen. Über Wuppertal, Leipzig und Dessau gelangte er nach München, wo er 1922 die Nachfolge Bruno Walters als Generalmusikdirektor antrat. Rund vierzehn Jahre später ging er nach Wien, arbeitete dort bis Kriegsende an der Oper und bei den Philharmonikern. Seine großen Triumphe aber feierte er in den fünfziger Jahren. Mit dem "Parsifal" unter seiner Leitung wurden die Bayreuther Festspiele 1951 wieder eröffnet. Und das Werk blieb bis zu seinem Tode 1965 eines der zentralen Interessen seiner musikalischen Beschäftigung mit Wagner.

 

Knappertsbusch verstand es, sich selbst mit der Aura des Numinosen zu umgeben und diese Atmosphäre auch an die Hörer zu vermitteln, wenn er sich mit den mythischen Stoffen des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts beschäftigte. "Seine Schlagtechnik ist ungewöhnlich, dennoch wird sie von allen Musikern sogleich verstanden", schrieben Rudolf Betz und Walter Panofsky in ihrer Knappertsbusch-Biographie. "Er ist kein Taktierer: was er zeichnet, sind agogische Linien, Kurven, Hyperbeln, die sich in der Unendlichkeit verlieren. Nicht einmal bei einem Walzer markiert er metronomenhaft den Takt. Er modelliert ihn vielmehr vor unseren Augen und Ohren mit Gesten und Blicken, mit dem kaum merklichen Heben der Augenbrauen oder dem hörbaren Schnipsen von Daumen und Zeigefinger. Erich Kleiber meinte einmal, Knappertsbusch sei der einzige, der durch das bloße Heben seines Manschettenknopfes ein Pianissimo in ein Fortissimo verwandeln könne. In der Tat: wie hier mit einem Minimum an äußerem Aufwand ein Maximum innerer Wirkung entsteht, wie sich allein schon unter Knappertsbuschs Blicken der Klang mühelos entbindet, das ist, auch für den Eingeweihten, immer wieder ein ans Wunderbare grenzender Vorgang".

 

Der "Parsifal", Wagners symbolträchtiges Alterswerk voller philosophischer Anspielungen, gehörte dabei zu den besonderen Repertoire-Schwerpunkten des Dirigenten. Von 1951 an leitete er ihn mit nur wenigen Unterbrechungen bis hin zum Jahr der Aufnahme und die karge Inszenierung von Wieland Wagner ergänzte sich gut mit Knappertsbuschs Vorstellung innerer Tiefe der Musik. Darüber hinaus hatte er hervorragende Solisten und ein erfahrenes Ensemble zur Verfügung. Hans Hotters Gurnemanz gilt noch heute als ideale stimmliche Umsetzung der Rolle. Gustav Neidlinger konnte seine Klingsor mit den Alberich-Erfahrungen aus dem "Ring" füllen. George London sang den Amfortas von 1951 an mit wachsender Nachdrücklichkeit, Irene Dalis (Kundry) war schon als Ortrud im Bayreuther "Lohengrin" aufgefallen.

 

Die "Neulinge" Jess Thomas (Parsifal) und Martti Tavela (Titurel) schließlich wurden sorgfältig ins Klangganze integriert, so dass schließlich ein "Parsifal" entstand, der mit der Kraft der alten Schule - Knappertsbusch hatte noch bei Hans Richter, dem Dirigenten der ersten Bayreuther Festspiele 1876 gelernt und hielt sich in seinen weit ausladenden Tempi nah an die Referenzversionen von Hermann Levi y´ in die bewegenden sechziger Jahre leitete: "Jeder fühlt sich angesprochen, ja herausgefordert. Der Zwang, der Knappertsbusch auf seine Musiker ausübt, ist jedoch der Zwang zur Freiheit: wie er selbst die Geburt eines musikalischen Kunstwerkes immer wieder von neuem intuitiv miterlebt, so verlangt er ein Gleiches auch von seinen Helfern. Er setzt kein Präzisionsuhrwerk in Gang, sondern öffnet Schleusen und Herzkammern" (Betz/Panofsky).

 

Die Referenz:

"Welch eine Breite der Musik, welch ein Atem, welche souveräne Ruhe, aber auch welch eine Vokalbesetzung (von den superben Chören unter dem unvergessenen Wilhelm Pitz und dem herrlichen Orchester ganz zu schweigen)." (S. Lauter, orpheus 2/87)