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28.02.2003
Pierre Boulez

Wille zur Kunst

Pierre Boulez, Wille zur Kunst

Ein großer Wurf sollte es werden, etwas, das die Welt noch nie gehört hatte. Dementsprechend schwer tat sich Gustav Mahler auch, seine hochgesteckten Ziele zu verwirklichen. Als seine 3.Symphonie am 9.Juni 1902 endlich unter Leitung des Komponisten in Krefeld uraufgeführt wurde, hatte er einen harten Kampf mit der eigenen Kreativität hinter sich. Aber es war geschafft. Er hatte die Natur zum Klingen gebracht.

Es waren bewegte Jahre. Die Brüder Lumière erfanden den Kinematographen, Röntgen entdeckte die nach ihm benannten Strahlen, Freud bohrte sich in die Tiefen der Seele, während Otto Lilienthal langsam vom Boden abhob. Debussy komponierte seinen Faun, Bruckner skizzierte kurz vor seinem Tod die Neunte, Hindemith wurde geboren. Die Denker des Fin-de-Siècle hatten ihren Spaß daran, das Ende der Wahrhaftigkeit auszurufen, überhaupt schwanke die Epoche in Europa zwischen Rausch und Untergang (der schließlich mit dem ersten Weltkrieg folgte). In diesem anregenden Durcheinander von Entdeckungen und Irritationen waren noch immer die Leitgedanken der Romantik präsent, die den Menschen als Originalgenie definierten, wohlmöglich ironisch hinterfragt, aber doch deutlich von dem Willen beseelt, etwas Großes und Ungeheuerliches zu schaffen. Auch Gustav Mahler konnte sich von dieser Vorstellung nicht freimachen. Als er sich ernsthaft an die Gestaltung seiner dritten Symphonie wagte, hatte er das Ziel, "mit allen Mitteln der vorhandenen Technik eine Welt aufzubauen. Der immer neue und wechselnde Inhalt bestimmt sich seine Form von selbst. In diesem Sinne muss ich stets wieder erst lernen, mir meine Ausdrucksmittel neu zu erschaffen, wenn ich auch die Technik noch so vollkommen beherrsche, wie ich, glaub' ich, jetzt von mir behaupten kann".

 

Nur ganz so einfach und selbstgenerativ war es eben doch nicht. Mahler rang mit der Form, mit philosophischen Ideen wie eine "Stufenfolge des Werdens" und arrangierte doch die sechs Sätze des ausführlichen Werkes immer wieder neu. Im Juni 1896 schließlich stellte er ernüchtert fest: "Aus den großen Zusammenhängen zwischen den einzelnen Sätzen, von denen mir anfangs träumte, ist nichts geworden". Trotzdem entstand ein erstaunliches Opus, das von kaum hörbaren Andeutungen bis zu wuchtigem Pathos, von der ernsten Dramatik über Nietzsche-Verse bis hin zur "Posthornepisode" ein immenses Spektrum der gestalterischen Möglichkeiten der Epoche in einem Ereignis verband. Die 3. Symphonie wurde unter dem Titel "Natursymphonie" bekannt, war sie doch von Mahler mit einigem mythischen Beiwerk als Kommentar versehen worden. Er selbst jedoch, nahm das Ganze nicht so ernst wie man meinen möchte. Bereits im Juli 1896 persiflierte er seinen Anspruch in der Sprache seiner Kritiker und schrieb: "Manchmal spielen die Musikanten auch, ohne einer auf den anderen die geringste Rücksicht zu nehmen, und es zeigt sich da meine ganze wüste und brutale Natur in ihrer nackten Gestalt. Dass es bei mir nicht ohne Trivialitäten abgehen kann, ist zur Genüge bekannt. Diesmal übersteigt es allerdings alle erlaubten Grenzen. Man glaubt manchmal, sich in einer Schänke oder einem Stall zu befinden".

 

In diesem subtilen Spannungsverhältnis von Utopie und Machbarkeit liegt für den Mahler-Spezialisten Pierre Boulez der besondere Reiz des Werken. Nachdem in den vergangenen Jahren bereits Nummer eins, vier, neun auf Tonträger gebannt wurden, nahm sich der große Dirigent diesmal der Dritten an und stimmte sie im Februar 2001 zusammen mit den Wiener Philharmonikern im Großen Saal des Musikvereins an. Es wurde ein Fest für die Sinne und Labsal für den Geist. Boulez verstand es, das Spitzenensemble an allen Untiefen des Schmachts vorbei zu lotsen. Leicht, beinahe verspielt interpretierte er das Mammutwerk im Sinne ironischer Mehrdeutigkeit, ohne sich auf die Spielchen der Beliebigkeit einzulassen. Unterstützt vom Frauenchor des Wiener Singvereins, den Wiener Sängerknaben und der Mezzo-Sopranistin Anne Sofie von Otter gelang Boulez eine kraftvolle Dritte ohne akustisches Tand, mal "misterioso", mal "lustig im Tempo und keck im Ausdruck", Mahler eben, wie er gehört.