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28.02.2003

Golden Age Of Piano - Ein Hoch dem Klavier!

Golden Age Of Piano - Ein Hoch dem Klavier!

Man möchte ihn auf den Mond schießen, diesen David Dunbal mit seinem seriösen Blick und seinem überbetonen Geplauder. Aber er ist ein verdienter Mann, Buchautor, Konzertpianist, Dozent an der New Yorker Juilliard School. Und deshalb nimmt man ihn eben in Kauf, zumal er als Moderator der Dokumentation "The Golden Age Of The Piano" wunderbares Bild- und Tonmaterial vorstellt.

Es ist ein wehmütiges Epochenportrait, fast so, als wären die besten Jahre bereits verstrichen. Schon der Titel "The Golden Age Of The Piano" bezieht sich auf eine Ära besonderer Ausstrahlung, die die Autoren und Realisatoren der 1993 entstandenen Dokumentation als den Höhepunkt interpretatorischer Klavierkunst verstehen. Und tatsächlich strahlen die historischen Aufnahmen etwas eigentümlich Weltfernes aus. Manche waren inszeniert wie Alfred Cortots quasi-filmische Umsetzung von Debussys "Children's Corner" oder Ignacy Jan Paderewskis romantische Heimaufnahme seines berühmten "Menuetts". Andere versuchten, die großen Momente in den Konzertsälen festzuhalten, wenn ein Vladimir Horowitz Scriabin spielte oder Claudio Arrau Liszt anstimmte.

 

Dann gab es noch die Mäuschen-Kameras im Studio, die die Arbeitsatmosphäre bei Arthur Rubinstein, Glenn Gould oder auch Josef Hofmann einfangen wollten. Das hat durchaus seinen Reiz, denn die Musikausschnitte dokumentieren über die Kunst hinaus spezielle Wahrnehmungs- und Darstellungsgewohnheiten, die vor allem das Verständnis vom Virtuosen, der sich seit dem bürgerlichen Zeitalter als vorherrschender Typus der Präsentation durchgesetzt hatte, verdeutlichen. Dunbals nachdrückliche, mit Untertiteln versehene Moderation verführt aber auch dazu, diese Zeit als abgeschlossen zu verstehen. Als gäbe es im Umkehrschluss heute kaum noch Interpreten, die zu derartiger künstlerischer Intensität fähig wären.

 

Das ist natürlich Nonsens, oder wenigstens Nostalgie. Charmanterweise wiederlegen gerade die Konzertausschnitte während der Dokumentation selbst, etwa von Rudolf Serkin, die These vom Ende der reinen Kunst. Denn wenn man ihm zusieht, wie er seinen Beethoven leise mitsummt und unbändige Freude an der Interpretation hat, dann merkt man das Bindeglied zur Gegenwart. Den Künstlern ging es nicht um die Abgeschlossenheit ihrer Musik, im Gegenteil: Je mehr sie selbst sich vom verordneten Ernst des Virtuosen entfernten, umso deutlicher transportierten sie ihre Ideen zu den Menschen. Und so dokumentiert die vergleichsweise einfach strukturierte TV-Geschichte der Klaviermusik (nach dem Muster Moderation plus Beispiel) wesentlich mehr, als sie vorgibt. In den Künstlerpersönlichkeiten, ihrer Individualität am Instrument liegt der Schlüssel des Verständnisses. Das wird im Kontrast der Beispiele, ebenso wie in den zusätzlichen Bonustracks deutlich, wenn etwa ein weiser Greis wie Claudio Arrau sich voll juveniler Leichtigkeit Beethovens viertem Klavierkonzert annimmt. Schon deshalb macht es Spaß, diesen Film zu sehen.