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28.02.2003
Carlos Kleiber

Wie? Was? Entsetzen!

Carlos Kleiber, Wie? Was? Entsetzen!

Carlos Kleiber hatte viel Zeit, um den "Freischütz" aufzunehmen. Und er machte das Beste daraus. Seine Arbeit mit dem gemischt-deutschen Ensemble in Dresden zu Zeiten des Kalten Krieges hatte etwas Befreiendes, Erhebendes und machte aus der Erfolgsoper der Romantik eine zeitlose Einspielung voll berauschender Vitalität.

Der Pakt mit dem Teufel war ein beliebtes Thema. Goethe hatte ihm mit dem ersten Teil seines "Faust" ein Denkmal gesetzt, zahlreiche Frühromantiker kokettierten ebenfalls mit mythischen, dämonischen und geheimnisvollen Themen, die der tristen Realität eine Dimension hinter den Dingen verleihen konnte. Denn für alle Freigeister des nachrevolutionären Europas war mit der konservativen Restauration des Wiener Kongresses der Ernstfall der Zensur eingetreten, die kaum noch kritische öffentliche Meinungsäußerung zuließ. Poesie und Kunst bekamen auf diese Weise neue Bedeutungen, als verschlüsselte Botschaften, aber auch als Möglichkeiten, sich in eine Welt des Genusses flüchten zu können. Carl Maria von Webers Oper "Der Freischütz" fiel allerdings weniger durch ihr besonders ausgeklügeltes, poetisches Libretto auf. Die Geschichte war plakativ - das Gute siegt über das Böse und bekommt trotz Verfehlungen noch eine Chance -, aber sie hatte genügend nationalistisches (und mehrdeutig interpretierbares) Potential, um bei ihrer Premiere am 18.Juni 1821 in Berlin enthusiastisch gefeiert zu werden.

 

Musikalisch gesehen jedoch ist der "Freischütz" tatsächlich eine Besonderheit. Zum ersten Mal in der Operngeschichte wurde die Instrumentation konsequent als Ausdrucksmerkmal genützt, eine Form des Überganges von der Mozartschen Klangfarbe zum Wagnerschen Leitmotiv. Den einzelnen Elementen wurden unmittelbar Vorstellungen und Gefühle zugeordnet (allerdings ohne die Brechung durch die Ironie, die bei den Literaten der Romantik eine zusätzliche Ebene des Verständnisses ermöglichte). Sie waren daher vom Publikum direkt erfahrbar, begünstigt noch durch den vergleichsweise einfachen Text der nach dem Dreißigjährigen Krieg im burlesken Umfeld situierten Handlung. Wie auch immer, die Zuhörer waren begeistert und sie blieben es über eineinhalb Jahrhunderte hinweg, bis hin zu opulenten Aufnahmeunternehmen wie der Einspielung des Freischütz durch Carlos Kleiber.

 

Zwischen dem 22. Januar und dem 8. Februar 1973 wurden in der Dresdner Lukaskirche luxuriöse 60 Stunden auf Bänder gebannt. Das Ensemble war mit Sängern wie Peter Schreier (Max), Gundula Janowitz (Agathe) oder auch Theo Adam (Kaspar) sorgfältig besetzt, die Sprechpassagen wurden darüber hinaus von Schauspielern übernommen. Die transparente Raumakustik, die durch die deutsch-deutsche Kooperation hochmotivierten Musiker der Dresdner Staatskapelle und des Rundfunkchores Leipzig taten ihr Übriges, dass aus den einzelnen Aufnahmepassagen ein quasi idealtypischer "Freischütz" entstehen konnten, den der Publizist und Musikwissenschaftler Peter Cossé mit schwärmerischen Worten umwölkt: "Es handelt sich um eine jener Fügungen des hoffenden und planenden Musiklebens, die uns verwöhnte und zugleich neugierige Musikfreunde in jenen Fieberzustand versetzte, den man am liebsten mit einem hochwillkommenen, ersehnten Rausch vergleichen möchte: in den Schwebezustand wehrloser Verzückung und hellwacher Erleuchtung. Denn wohl nie zuvor war es dem Hörer einer Schallplatte vergönnt gewesen, Webers romantische Orchesterpsychologie so schonungslos schön, so tiefgründig und zugleich unschuldig, gleichsam wie in einem einzigen, freilich mannigfaltig aufgefächerten musikalischen Atemzug zu erleben wie und der dirigentischen und zugleich dramaturgischen Schirmherrschaft Carlos Kleibers". Wow, was für Worte! Und was für Musik!

 

Die Referenz:

 

"Ein 'Freischütz', der ein Muster inspirierter und uneitler Interpretation bildet. Es ist gut, dass es den Kleiber-Janowitz-Freischütz gibt." (FonoForum 9/1973)