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21.02.2003
Carlos Kleiber

Fallgruben der Liebe

Carlos Kleiber, Fallgruben der Liebe

Als Alexandre Dumas 1848 seinen Romanerstling "Die Kameliendame" veröffentlichte, war er gerade mal 24 Jahre alt. Das jugendlich leidenschaftliche und sozialkritische Buch über die liebende Kurtisane wurde vom bürgerlichen Publikum mit einer Mischung aus Skandal und Begeisterung angenommen. Es war spätestens mit der Dramatisierung 1852 ein Erfolg, den Giuseppe Verdi im Jahr darauf allerdings noch steigerte. Denn am 6. März 1853 hatte in Venedig "La Traviata" Premiere, die für die Opernbühne umgearbeitete Variante der Dumas-Geschichte.

Es war eine aufregende Zeit. Giuseppe Verdi hatte es nach immerhin 16 Opern mit unterschiedlichem Anklang beim Publikum geschafft, drei großartige Werke nacheinander zu schaffen. Nach "Rigoletto" (1851) und "Il Trovatore" (1853) präsentierte er mit "La Traviata" (1853) allerdings ein für seine Verhältnisse ungewöhnlich aktuelles Melodram um die Wahrhaftigkeit der Liebe, das er nicht in der Vergangenheit des ausgehenden Mittelalters mit viel Pomp und Aufwand inszenierte, sondern im Paris seiner Epoche mit Fokus auf nur einer Hauptperson und deren Irrungen und Wirrungen. Das Werk war in vieler Hinsicht ein Kraftakt. Zunächst entstand die komplette Oper innerhalb von 46 Tagen. Verdis Librettist Francesco Maria Piave schrieb sich mit der Umarbeitung der Vorlage die Finger wund und Verdi selbst reiste noch mit einer Art Particell nach Venedig zu den Proben. Die Orchestrierung stellte er während der Orchesterproben fertig und so war "La Traviata" taufrisch, als das Venediger Premierenpublikum am 6.März 1853 zum "Teatro La Fenice" flanierte.

 

Allerdings waren der Inszenierung einige schwerwiegende Fehler unterlaufen. Vor allem mit der Darstellerin Fanny Salvini-Donatelli hatte man Pech. Denn die üppige Dame löste als schwindsüchtige Violetta eher Heiterkeit denn Mitleid aus. Die Schauspieler mussten sich außerdem in barocke Gewänder zwängen, so dass schließlich die ganze Oper arg unfertig und unausgewogen wirkte. An den Bombast und die Opulenz früherer Werke gewohnt, winkten die Zuhörer zunächst ab. Erst eine zweite, sorgfältigere Umsetzung im Frühjahr 1854 im "Teatro San Benedetto", ebenfalls in Venedig, sorgte für den Durchbruch. Von da an entwickelte sich "La Traviata" zu einer der meistgeschätzten Opern auf internationalen Spielplänen. Über den sozialkritischen Stoff als inhaltliche Neuerung hinaus - das Plädoyer für die emotionale Selbstbestimmung der Frau - schuf Verdi einen musikalischen Querschnitt durch seine Ausdrucksmöglichkeiten, wie man ihn nur in wenigen vorangehenden Werken finden konnte.

 

Vieles wurde angedeutet, anzitiert, von den burlesken Chormomente bis hin zu emotionstrunkenen Duetten. Die Funktion der Musik wiederum passte sich den Reflexionsstadien der Hauptdarstellerin an. Je mehr sich Violetta von den Konventionen ihrer gesellschaftlichen Rolle verabschiedete, umso individueller wurde auch die vokale Umsetzung. Überhaupt stand die liebende Kurtisane von Anfang an im Mittelpunkt. Die übrigen Charaktere blieben bis auf Violettas Liebhaber Alfredo und dessen Vater eher schemenhaft gestaltet. Umso deutlicher und eindringlicher wurde die Musik, die von den ausgelassenen Klängen des Ersten Aktes bis zu den Gefühlsnöten und der Trauer des dritten Aktes ein weites Spektrum der Gefühle umzusetzen vermochte. Den Münchner Aufführungen unter Carlos Kleiber, die 1977 zunächst auf Schallplatte erschienen, gelang es, diese Vieldeutigkeit ungemein reflektiert einzufangen. Seit einem knappen Jahrzehnt bereits durch intensive Arbeit an der Münchner Staatoper mit Orchester und Chor vertraut und durch Solisten wie Ilena Cotrubas (Violetta), Placido Domingo (Alfredo) und Sherrill Milnes (Giorgio) unterstützt, entlockte der Dirigent dem Ensemble eine direkte, klare Umsetzung voller Leben, aber ohne Sentimentalitäten. Das macht die Aufnahme zur Referenz.

 

Die Referenz:

 

"Diese Münchener 'Traviata' ist eine Spitzenaufnahme, weil sie die Partitur in bewundernswertem Maß ausleuchtet. " (H. Schönegger, FonoForum1/1986)