Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

21.02.2003

Grenzgänger

Grenzgänger

Als Claudio Arrau und Sir Collin Davis 1984 nach Dresden fuhren, gab es noch den eisernen Vorhang. Damals war die Kunst eine der wenigen Möglichkeiten, die realen und mentalen der Grenzen der Ideologie zu überschreiten. Und tatsächlich gelang es den Gästen, gemeinsam mit der Staatskapelle Dresden für Momente den Kleingeist der Gegenwart zugunsten künstlerischer Glücksmomente hinter sich zu lassen.

Das Repertoire war mit Bedacht gewählt. Die beiden späten Klavierkonzerte markierten für Ludwig van Beethoven eine Öffnung gegenüber neuen Sphären des Ausdrucks. Der Komponist selbst hatte bis zu ihrer Entstehung einen Wandlungsprozess vom virtuosen Parvenü mit (existentiellem wie ideellem) Bedürfnis nach Akzeptanz zum umfassend geschätzten Mitglied der Wiener Gesellschaft vollzogen. Dementsprechend hatten sich auch seine Werke verändert. Waren die ersten zwei Klavierkonzerte noch eng am mozartesken Geschmack des Publikums orientiert, so begann er bereits mit der Nummer 3, im finsteren c-moll gehalten und weit weniger an Geläufigkeitsprotz interessiert wie andere zeitgenössische Elaborate, die Ansprüche auf seine eigene Vorstellung von Intensität zu konzentrieren. Mit der Nummer 4 in D-Dur schließlich lösten sich Beethoven deutlich von der Konvention.

Zwischen 1804 und 1806 entstanden und im März des Folgejahres mit Widmung an den Erzherzog Rudolf im Palais Lobkowitz in Wien uraufgeführt, ließ er ein lyrisches Klangganzes entstehen, bei dem in bislang unüblicher Weise Solist und Orchester harmonisierend ineinander griffen. Schon den Beginn mit einer unbegleiteten Klaviersequenz war auffällig und die gesamte Durchführung blieb an dieser behutsamen Umdeutung der Gestaltungsgewohnheiten orientiert. Die Zuhörer waren davon berührt, die Leipziger Allgemeine Zeitung schrieb im Mai 1809, dass es das "wunderbarste, eigentümlichste, künstlichste [= künstlerischste] und schwierigste" von allen Beethovenkonzerten gewesen sei.

Doch der Komponist ging noch weiter. Beethovens letztes Klavierkonzert fiel nach Wiener Maßstäben völlig aus dem Rahmen. Schon der erste Satz war mit 600 Takten ungewohnt lang. Im Jahr 1809 entstanden und im Folgejahr im Leipziger Gewandhaus uraufgeführt, stellte das op.73 bereits den Übergang vom bisherigen kammermusikalischen Rahmen zum großen sinfonischen Konzert der Romantik dar, das schließlich die Klangvorstellungen der kommenden Jahrzehnte bestimmen sollte. Für die ausführenden Instrumentalisten wiederum bedeutet das eine besondere Anforderung an die Interpretation, um die Position am Übergang der Stilvorstellungen darzustellen. Claudio Arrau, zum Zeitpunkt der Aufnahmen bereits 81 Jahre alt, widersteht dem Schmacht mit all seiner Erfahrung. Mehr noch: Mit Sir Colin Davis und der Staatskapelle Dresden an seiner Seite gelingt ihm die Verknüpfung des Beethovenschen Ernstes mit der eigenen Heiterkeit unanfechtbarer Spielkultur. Diese Aufnahme ist frei von Manierismen, gelöst und doch klar konturiert, ein Beispiel für die enorme Kompetenz im Ausdruck, die ein Maestro über die Spanne seines Künstlerlebens entwickeln kann.

Die Referenz:

" Eher kontemplative als von Durchschlagkraft gekennzeichnete, dennoch sehr geschmeidige Darstellung. Höchst einfühlsame Begleitung durch die von Colin Davis dirigierte Staatskapelle." (Stereoplay 1/1989)