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31.01.2003

Der Schattenmann

Gavin Bryars, Der Schattenmann

Gavin Bryars ist ein Mann hinter den Kulissen der englischen Musikszene. Sein Weg führte ihn von John Cage bis zu Robert Wilson, sein Werk reicht von Konzerten nach klassischer Manier bis hin zu popnahem Songwriting. In diesem Jahr feiert er seinen 60. Geburtstag. Zeit für ein Portrait.

Gavin Bryars hat vieles ausprobiert. Geboren 1943 im britischen Yorkshire, aufgewachsen in musikalischer Familie, begeisterte ihn zunächst der Jazz als spontane Ausdrucksform künstlerischer Kreativität. Er begann als junger Mann mit dem Kontrabass und landete bereits in den frühen Sechzigern in der experimentellen Szene um Freaks wie Derek Bailey und Tony Oxley. Da er jedoch auf Dauer mit den avantgardistischen Modellen der gerade modisch aktuellen Free Szene nicht zurecht kam, suchte er nach anderen Möglichkeiten, ging in die Staaten und arbeitete von 1966 an für drei Jahre mit John Cage. Derart prominent in das Lager der zeitgenössischen Klassik eingeführt, hatte er keine Mühe mehr, nach seiner Rückkehr in die englische Heimat eine Stelle an den Universitäten von Portsmouth und Leicester zu finden. Bryars erwies sich als umtriebiger junger Mann, gehörte zu den Gründungsmitglieder Portsmouth Sinfonia und schaffte es in den Achtzigern, als Professor an die De Montford University in Leicester übernommen zu werden, um dort bis 1994 Musik und Komposition zu lehren.

 

Zeitgleich mit seinen akademischen Jobs startete er seine Karriere als Komponist, zunächst im Crossover-Bereich zwischen Avantgarde und Pop. "The Sinking Of The Titanic" (1969) erschien zunächst ebenso wie "Jesus? Blood Never Failed Me Yet" (1971) auf dem Label des Electronic-Tüftlers Brian Eno. Die Kompositionen wurden anno 1990 für Point Music noch einmal aufgelegt und inzwischen über ein Viertelmillion Mal verkauft. Die erste seiner drei Opern inszenierte Robert Wilson 1984 für die Opéra de Lyon und Opéra de Paris ("Medea"). Das aktuellste Werk "G" wurde von der Mainzer Oper in Auftrag gegeben und 2002 uraufgeführt. Im Laufe der Jahre arbeitete Bryars unter anderem mit dem Hilliard Ensemble, Charlie Haden, Holly Cole, Nexus, John Harle ebenso wie mit dem BBC Symphony Orchestra, dem Orlando Consort oder Julian Lloyd Webber. Er etablierte sich als Spezialist für stilistische Grenzüberschreitungen, im klassischen Segment ebenso bewandert wie im Avant Pop, dem Modernen Tanz und der Performance-Szene.

 

Eine Zusammenstellung auf zwei CDs kann daher nur einen kleinen Teil seines umfangreichen Werkes abbilden. "A Portrait" legt den Schwerpunkt auf die Vielseitigkeit der musikalischen Beispiele. Das "Cello Concerto (Farewell to Philosophy)" etwa spielt mit den Assoziationen an traditionelle Werkgestaltung, das "Adnan Songbook" vertont mit pointierter Reduktion der motivischen Mittel acht Liebesgedichte der libanesischen Autorin Etel Adnan. "Jesus? Blood Never Failed Me Yet" wiederum ist eine Collage aus Tonbandaufnahmen eines alten Mannes, der mit zittriger Stimme ein religiöses Lied singt, orchestrale Einsprengseln und der ruppigen Stimme von Tom Waits, der zum Duett mit dem Mümmelgreis einsteigt. Zwischen solchen Extremen ist bei Bryars ziemlich alles möglich, was sich musikalisch clever gestalten lässt. Der Literat Michael Ondaatje fasst es folgendermaßen zusammen: "Bryars ist einer der wenigen Komponisten, der Slapstick und ursprüngliche Emotion passend nebeneinander stellen kann. Er erlaubt dem Hörer, überraschende neue Sounds um sich herum zu entdecken, indem er sie aus ungewohnter Perspektive angeht. Mit einem dritten Ohr vielleicht..."