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10.01.2003
Eleni Karaindrou

Schatten des Balkans

Eleni Karaindrou, Schatten des Balkans

Theo Angelopoulos ist ein Archivar der Erinnerung. Seit den frühen siebziger Jahren dokumentiert der griechische Regisseur die Seelenhaltung seiner Heimat und setzt sie in poetische Bilder um. Seine Filme sind Parabeln auf die Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, auf das Scheitern der Humanität an den Fußangeln des Alltags. Umso mehr braucht er Musik, die den Imaginationen einen Rahmen gibt, ohne sie zu beengen.

"Ulysses' Gaze" ("Der Blick des Odysseus") erzählt die Geschichte eines Filmregisseurs, der von seiner griechischen Heimat aus in die Ferne ging und dort erfolgreich wurde. Als er zurückkehrte, vordergründig motiviert, um eines seiner Werke zu zeigen, machte er sich auf die Suche nach einem legendären cineastischen Schatz, den unbelichteten Filmrollen der (historisch realen) Brüder Manakis. Ähnlich den französischen Kino-Pionieren Lumière gehörten sie zu den ersten, die laufenden Bilder des Lebens, in ihrem Fall auf dem Balkan, festgehalten hatten. Nach vielen Umwegen, die die Hauptfigur durch die vom Krieg zerstörten Welten von Rumänien bis Sarajewo führten, fand der Regisseur tatsächlich die Dokumente, die der Leiter einer zerstörten Kinemateque aufbewahrt hatte. Scheinbar am Ziel seiner Wünsche, entgleitet ihm jedoch die naive Vergangenheit in Form der Rollen durch einen zufälligen Mord, den marodierende Soldaten an dem Konservator begehen. Der Odysseus des Angelopoulos bleibt daher am Schluss eine gescheiterte Kreatur zwischen den Welten, metaphorisch verortet im Nirgendwo zivilisatorischer Kapitulation.

 

Die tiefe Tragik der Geschichte war für die Komponistin Eleni Karaindrou eine ungewöhnliche Herausforderung. Denn Angelopoulos Bilder kommunizierten bereits eine eindeutige dunkle Stimmung, die zu verstärken das dramaturgische Maß der Geschichte überzogen hätte. Eine allzu heiterer Kontrapunkt hingegen wäre der Handlung nicht gerecht geworden und hätte sie wohlmöglich ironisiert. Karaindrou wählte die Mitte und schuf ein von Kim Kashkashians Viola getragenesThema in der Schwebe zwischen Sehnsucht und Verheißung. Um das zentrale "Ulysses' Theme" gestaltete sie eine 17teilige, minimalistische Suite mit kammermusikalischem Charakter, die das Motiv des Zögerns, der Unsicherheit in klingende Form brachte. Karaindrou gelang das Kunststück, eine autarke Klangwelt zu entwerfen, die ihrerseits Bilder evozierte, ohne die des Filmes zu verdrängen. "Nie war Filmmusik weniger Kommentar, Verdopplung und Programmmusik als bei Karaindrous jüngstem Opus", kommentierte der Kritiker Peter Rüedi den Soundtrack "Ulyssesý Gaze" im Supplement der Weltwoche und fügte hinzu: "ein Meisterwerk zugleich der Suggestion und Diskretion". Mit anderen Worten: Der Komponistin war akustisch gelungen, was der Regisseur einmal als sein optisches Ziel formuliert hatte: "Ich möchte glauben, dass die Welt durch das Kino gerettet wird". Eine Utopie, die Kunst erst möglich macht.

 

Die Referenz:

 

"Nie war Filmmusik weniger Kommentar, Verdopplung und Programmmusik als bei Karaindrous jüngstem Opus: ein Meisterwerk zugleich der Suggestion und Diskretion." (Peter Rüedi, Weltwoche-Supplement)