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03.01.2003

Figaro!

Figaro!

Claudio Abbado schaffte etwas Überraschendes. Als er im September 1971 ans Pult der Londoner Symphoniker stieg, um den "Il Barbiere de Siviglia" zu dirigieren, verhalf er dem für seine symphonische Kraft bekannten Ensemble zu einer erstaunlichen Dosis Opernwitz. Das lag an der Perfektion seiner Orchesterführung, am Gespür für die richtigen Sänger, aber vielleicht auch ein wenig an den mediterranen Wurzeln, die dem Mailänder eine besondere Leichtigkeit im Umgang mit Rossini bescherten.

Nun war schon die Vorlage, die Gioacchino Rossini 1816 für seinen "Il Barbiere di Siviglia" verwandte, ein beliebtes Verwirrspiel im Zeichen der Leidenschaft. Es stammte aus der Feder von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, der bereits 1784 unter dem Titel "Le Mariage de Figaro" die Tändeleien von Grafen und Bürgerstöchtern zu Papier gebracht hatte (und natürlich auch andere Komponisten damit inspirierte). Aber erst Rossinis heiter-energische Umsetzung des Stoffes sorgte schließlich für den endgültigen Durchbruch des unterhaltsamen Stückes. Es wurde darüber hinaus zur Visitenkarte des Komponisten, der sich seit 1815 in einer seiner kreativsten Phasen befand und innerhalb der folgenden acht Jahre immerhin 20 Opern zu Papier brachte. Beim "Babier" passte alles perfekt zusammen, die nötige Leidenschaft der standesübergreifenden Liebesgeschichte, der musikalische Schmiss und das, bei allem zwischenzeitlichen Chaos der Verwicklungen, doch einsichtige und versöhnliche Happy End des "Melodramma buffo in due atti". Die Oper wurde zu einem der meistgespielten Bühnenwerke des Musiktheaters und im Laufe der Jahre und Inszenierungen dementsprechend nachhaltig von Aufführungsgewohnheiten und Inszenierungen überformt.

Claudio Abbado tat daher gut daran, sich für die Plattenaufnahme des "Barbiers" möglichst auf den vorhandenen Text zu stützen und ihn mit all seiner Werkkenntnis klar und verschmitzt umzusetzen. Er hatte auch reichlich Erfahrung mit dem Werk. Drei Jahre vor dem Studiotermin hatte er es bereits in Salzburg dirigiert und unter anderem an der Scala die Reibungspunkte der Umsetzung studieren können. Abbado trat daher mit einem deutlichen Konzept vor die Londoner Symphoniker, das der Süßlichkeit und dem hochkulturellen Kitsch früherer Interpretationen den puren, auf das Wesentliche seiner lebhaften und temporeichen Musik konzentrierten Rossini gegenüber stellte. Und er hatte mit der spanischen Mezzosopranistin Teresa Berganza als Rosina und dem Bariton Hermann Prey in der Titelrolle des Figaros ausgezeichnete Solisten im Team, mit denen zusammen er seine Vorstellungen umsetzen konnte. Als Ende September 1971 die Aufnahmen in der Londoner Watford Town Hall abgeschlossen waren, war allen Beteiligten klar, was die Kritik im Folgejahr feststellte: dass ihnen eine aufregende Neudeutung des Klassikers gelungen war. In der Laudatio des 'Deutschen Schallplattenpreises' von 1972 konnte man dann lesen: "Abbado und ein hervorragendes Ensemble servieren den 'Barbier' gereinigt von traditionell eingerosteter Routine und szenisch-musikalischer Klamotte. Eine Delikatesse von höchster Präzision, die Rossini mehr als aufwertet: die ihn neu entdeckt".

Die Referenz:

" Die musikalisch und stilistisch einheitlichste Aufnahme. Dank Claudio Abbado wird Rossini ernst genommen, mit Sorgfalt gespielt und gesungen, mit Charme vorgetragen" (Hermes Handlexikon)