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29.11.2002
Carlos Kleiber

Der Strahlemann

Carlos Kleiber, Der Strahlemann

Selten klangen Beethovens Symphonien Nr. 5 und Nr. 7 derart klar und unvermittelt. Als hätte der Meister sie eben erst ersonnen. Das lag an der Kunst von Carlos Kleiber, der die Wiener Philharmoniker mit Bestimmtheit und Präsenz leitete und dem Ensemble in konsequenter, hochreflektierter Arbeit Besonderes abgewannt. "Ganz egal, wie viele Einspielungen der 'Fünften' sie schon haben", meinte der Rezensent des Fachmagazins 'Audio', "diese müssen sie haben". Stimmt, aus gutem Grund.

Carlos Kleiber wagt sich vergleichsweise selten vor die Mikrofone. Von Anfang an bevorzugte es der österreichisch-argentinische Dirigent deutscher Herkunft, in der Wahl seiner Mittel und Abhängigkeiten frei zu sein. Mag sein, dass dieser Hang zur Ungebundenheit in seiner Biografie begründet ist. Denn seine Kindheit war bestimmt vom Exil. Als Sohn des Dirigenten Erich Kleiber anno 1930 in Berlin geboren, musste er mit seiner Familie zwei Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen. Ihre neue Heimat wurde Buenos Aires und der kleine Carlos machte seine ersten prägenden musikalischen Erfahrungen im Gefolge des Vaters, den er zu Proben an das Teatro Colón begleitete. Er wurde privat unterrichtet, begann in La Plata ebenfalls am Theater zu arbeiten und wurde 1952 für kurze Zeit Korrepititor am Münchner Gärtnerplatztheater. Daraufhin ging er als Kapellmeister zunächst nach Potsdam, dann an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf-Duisburg, nach Zürich, Stuttgart und wieder München. Dort blieb er von 1968 an als 'Ständiger Gastdirigent' der Bayerischen Staatsoper verbunden, wirkte aber auch in Bayreuth, Wien, Stuttgart, Salzburg, Prag und Mailand weiter. Als Gegner symphonischer Routine wechselte er immer wieder die Ensembles, schwor sie aber während der gemeinsamen Arbeit auf eine besondere Aufmerksamkeit im Umgang mit den musikalischen Vorlagen ein.

 

Deshalb dauerte es auch lange, bis sich Carlos Kleiber den gewichtigen Symphonien von Ludwig van Beethoven widmete. Immerhin gehören die Fünfte und die Siebte zu den meistgespielten Werke in internationalen Konzerthäusern und lagen auch den siebziger Jahren bereits in zahlreichen brillanten Einspielungen vor. Kleiber zog es daher vor, sich viel Zeit zu lassen, und studierte mit den Wiener Philharmonikern in langen Proben seine exquisiten Interpretationen der Orchesterwerke ein. Die Aufnahmen fanden zwischen März 1974 und Januar 1976 im Musikvereinssaal statt und präsentierten die emphatischen Symphonien mit verblüffender Energie, die trotz allem die Feinnuancierung der dynamischen Schwankungen, überhaupt die zahlreichen Details, die aus dem Nachspielen eine unverwechselbare Stellungnahme machen, sorgsam zelebrierten. Das symbiotische Zusammenwirken von Klangkörper und Leiter wurde besonders deutlich, wenn etwa im ersten Satz der Fünften das halsbrecherische Tempo ohne Mühe und Nervosität durchgehalten werden kann. Oder wenn im zweiten Satz der Siebten gerade das Wechselspiel zwischen zärtlichen und bombastischen Elementen zum angeregten Dialog der Temperamente wird. So entstehen Meilensteine und Kleiber hatte durchaus Recht damit, sich auf die besondere Kraft der beiden Werke zu verlassen. Manchmal ist weniger Output eben mehr Qualität.

 

Die Referenz:

 

"Kleiber hat mit den Wiener Philharmonikern zu einer Beethoven-Deutung gefunden, die ihresgleichen sucht." (Musikmarkt)