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22.11.2002

Wurzeln der Neuzeit

Grundlegende Entscheidungen sollten getroffen werden. Schließlich ging es um die Zukunft der Christenheit, die durch Reformatoren auf der einen und die Renaissance auf der anderen Seite in ihrer bisherigen Form bedroht war. Der Vatikan intervenierte, berief das Konzil von Trient ein, das in jahrelangen Verhandlungen die Fundamente des Glaubens und der Kirche regelte. Dazu gehörte auch eine Neuorientierung der Kirchenmusik.

Giovanni Pierluigi da Palestrina (um 1525-94) saß zwischen allen Stühlen. Denn im Prinzip hatten die verschiedenen Lehrmeinungen jede für sich ihre Berechtigung. Da gab es die Puristen, die von der Gregorianik her ein reines Musikideal in der Kirche zu verwirklichen suchten. Hier waren schmucklose Lieder für den liturgischen Ablauf gefragt, sachdienlich und für manche Theoretiker gar völlig entbehrlich. Die von Luther her stammende Vorstellung wiederum verstand alle Musik in der Kirche als sinnvoll, solange sie sich nur sakralen Zwecken widmete. Irgendwo dazwischen musste also eine Position gefunden werden, die die Vergangenheit achtete und zugleich in die Zukunft wies. Immerhin gab das Konzil von Trient im Jahr 1563 mit seinem Beschluss zu Kirchenmusik die Linie vor. Die bereits ausgeformte Mehrstimmigkeit wurde anerkannt, solange die Texte verständlich blieben, die kirchliche Würde gewahrt und alles Weltliche und Unreine vermieden wurde. So hatte Palestrina einen Rahmen, in dem er in unterschiedlichen Positionen als Kapellmeister in Rom wirken konnte. Er schrieb rund 1000 überwiegend vokale Werke und entwickelte sich zu einer zentralen künstlerischen Gestalt der Gegenreformation.

Für Hans Erich Pfitzner (1869-1949) hatte genau diese Zwischenposition Palestrinas in der Zeitenwende musikalischer Entscheidungen einen besonderen Reiz. Für den national-konservativen Komponisten aus dem geistigen Umkreis der späten Romantik galt der katholische Melodienfürst der frühen Neuzeit als eine passende Folie zur Demonstration der inneren Kämpfe eines kreativen Individuums mit den Zwängen der Außenwelt. Seine 1917 in München uraufgeführte Oper "Palestrina - Eine musikalische Legende in drei Akten" stammte einschließlich Libretto aus seiner Feder und traf als Geschichte der Auseinandersetzungen der historischen Gestalt mit den Beschlüssen von 1563 den Nerv des vom ersten Weltkrieg erschütterten Deutschland. Es wurde Pfitzners bekanntestes Werk, was vor allem auch an Einspielungen lag, die sich wie die Interpretation von 1973 unter der Leitung von Raphael Kubelik bis ins Detail ehrfürchtig mit der komplexen, unzeitgemäßen Musik und spröden Thematik auseinander setzten. Denn mit Stars wie Dietrich Fischer-Dieskau, Hermann Prey und Brigitte Fassbaender begann auch ein sperriges Werk wie "Palestrina" zu leuchten und die künstlerischen Qualitäten zu offenbaren, die es zu einem viel gespielten Werk auf internationalen Bühnen werden ließen.

Die Referenz:

"Wahrscheinlich ist es selten, dass auch die Nebenrollen so stark besetzt sind wie hier. Und obwohl Geddas unerschütterlich eloquente Palestrina und Fischer-Dieskaus würdevoll autoritärer Borromeo herausragend sind, befinden sie sich mit Ridderbusch, Weikl, Steinbach und Nienstedt in ebenbürtiger Gesellschaft." (Gramophone 7/1989)