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22.11.2002
Karl Böhm

Was heißt da Romantik?

Karl Böhm, Was heißt da Romantik?

Der Titel stammte vom Komponisten selbst und war gut gemeint. Anton Bruckner nannte seine 4.Symphonie "Die Romantische" und hoffte offenbar darauf, das Publikum mit dem Assoziationsangebot des Gefühlverhangenen und Mythengetränkten einfacher begeistern zu können. Das Resultat war jedoch, dass das Attribut bald auf sein gesamtes Werk übertragen und auf diese Weise manche Nuancierung verschüttet wurde, die über die Folie romantischer Wahrnehmung hinaus sein Oeuvre bestimmte. So war es ebenso wichtig wie unabdingbar, dass Karl Böhm sich Bruckner von der Warte des Werkgetreuen aus widmete und manches schwüle Urteil revidierte.

Karl Böhm hatte Erfahrung mit den orchestralen Monumenten Anton Bruckners. Bereits Ende der Dreißiger dirigierte er die 4. und 5.Symphonie und perfektionierte über die Jahre hinweg die eigene Rezeption des Werkkorpus' zur immer klarerer Herausarbeitung der motivischen Feinheiten jenseits des bombastischen Vordergrundes. Böhm hatte außerdem Erfahrung mit den Wiener Philharmonikern. Von 1933 an stand er mit steten Regelmäßigkeit am Pult des Spitzenensembles und verstand es, die Musiker auf seinen klaren und deutlichen Dirigierstil einzuschwören. So waren die Voraussetzungen gut, als im November 1973 im Wiener Sophiensaal eine Neuaufnahme der "Romantischen" entstehen sollte. Zumal Böhm sich genau an die musikhistorischen Erkenntnisse hielt, die die Erarbeitung des Werkes über Jahre hinweg begleiteten. Denn bereits der Komponist selbst hatte für einige Verwirrung gesorgt, als er seine Symphonie im Laufe der Jahre mehrfach überarbeitete.

 

Die ursprüngliche Version stammte von 1874. Über mehrere Monate hinweg hatte er an der Verwirklichung des Werkes gearbeitet und es schließlich kurz vor seinem 50.Geburtstag im November vollendet. Mit einigen Jahren Abstand jedoch gefiel es ihm nicht mehr und er setzte sich an eine Bearbeitung, die zwischen 1878 und 1880 eine veränderte Version entstehen ließen. Dazu gehörte etwa ein neues Scherzo und die Umgestaltung des Finales. Am 20.Februar 1881 wurde die 4.Symphonie unter der Leitung von Hans Richter dann in Wien uraufgeführt, mit Achtungserfolg, jedoch ohne den allumfassenden Jubel der Getreuen. Daher kam es bis zur Drucklegung 1889 zu weiteren Korrekturen, wobei allerdings unklar bleibt, wie viel Veränderungen tatsächlich vom Komponisten selbst vorgenommen wurden - vor allem im Anschluss an eine tiefe Schaffenskrise anno 1887 redigierte Bruckner panisch in verschiedenen Werken herum.

 

Es dauerte jedenfalls bis 1936, um eine einigermaßen gesicherte Version der Partitur von 1878-80, herausgegeben von Robert Hass, vorliegen zu haben. Auf die nun stützte sich Leopold Nowak mit seiner Edition 1953, die wiederum der Einspielung von Karl Böhm zwei Jahrzehnte später zugrunde lag. So jedenfalls war gesichert, das es nicht zu einer neuerlichen Remythifizierung von Bruckners Musik kommen würde, sondern zu einer klaren, die Kraft des gestalterischen Impetus nachvollziehenden Umsetzung der ursprünglichen Vorstellungen des Komponisten. Böhm und die Wiener Philharmoniker schufen daher eine klare, temposichere und dynamisch sorgsam dosierte Interpretation, die den majestätischen Ideen des Urhebers folgt, ohne sie zu verklären. Aus diesem Grund wurde diese "Romantische" so unromantisch wie nötig und kraftvoll wie möglich.

 

Die Referenz:

 

"Großartig... Diese Interpretation ist wirklich atemberaubend in ihrer gemächlichen Majestät ...ein wirklich wunderbares Orchesterspiel und eine fabelhafte Technik" (Gramophone)