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15.11.2002

Ahnung des Göttlichen

Ahnung des Göttlichen

Die Experten haben sich lange gestritten, ob Bachs "Messe in h-moll" ein Ausflug in die Formwelt des Katholizismus, ein überkonfessionell großartiges Werk oder einer der Höhepunkte protestantischen Kulturschaffens sei. Einig sind sie sich jedoch in der Beurteilung der Interpretationen, die im Laufe der Schallplattengeschichte entstanden. Denn zu den Glücksfällen kongenialer Gestaltungskraft gehört die Aufnahme der Messe, die Karl Richter im Frühjahr 1961 gelang.

Wenn Bach, dann Richter. Über ein Vierteljahrhundert hinweg galt der Slogan und war wie ein Gütesiegel für musikalische Qualität. Vor allem für die geistlichen Werke des Thomaskantors hatte Richter eine Sensibilität entwickelt, die ihm die künstlerische Arbeit auf oberstem Niveau ermöglichte. Anno 1926 im vogtländischen Plauen geboren, kam er als Sohn eines evangelischen Pfarrers bereits in Kinderjahren mit den Bachschen Sakralklängen in Kontakt. Erst Kreuzschüler in Dresden, dann Student der Kirchenmusik bei Karl Straube und Günther Ramin in Leipzig wurde er mit verschiedenen Interpretationstraditionen vertraut und arbeitete sogar ein Jahr lang als Thomasorganist in der Nachfolge des barocken Meisters. Im Jahr 1951 zog Richter nach München und begann schrittweise, als Kantor der Markuskirche und Dozent an der Musikhochschule einen Kreis von Bach-Begeisterten um sich zu sammeln. Er gründete den Bach-Chor (1951), das Bach-Orchester (1953) und erwarb sich mit seinen Künstlern innerhalb kurzer Zeit den Ruf eines herausragenden Bach-Interpreten. Richter sammelte Talente und Stars wie die Organistin Hedwig Bilgram und den Bariton Dietrich Fischer-Dieskau um sich, mit deren Hilfe er das internationale Niveau seiner Aufführungen und Aufnahmen garantieren konnte.

Und so kam es auch im Februar und April 1961 zu ungewöhnlichen musikalischen Momenten, als Richter sich mit seinen Ensembles in der Münchner Musikhochschule einfand, um die "Messe in h-moll BWV 232" aufzunehmen. Denn den Beteiligten gelang das Kunststück, mit enormer Temposicherheit das Gleichgewicht zwischen spiritueller Bedeutung und weltlicher Abstraktionskunst zu wahren. Bachs Experimente mit den stimmlichen Möglichkeiten, die etwa im "Kyrie" zu Beginn oder auch dem "Symbolum Nicenum" bis an die Grenzen formaler Ausdrucksmöglichkeiten der barocken Klangtradition gehen, werden von den Solisten wie auch den beiden Bach-Ensembles mit einer Sicherheit und Bestimmtheit nachvollzogen, die sich nur aus einer symbiotischen Werkkenntnis entwickeln lässt. Überhaupt glänzt die Einspielung auch nach vier Jahrzehnte noch durch ihre Klarheit, die allen Verlockungen beschönigender Manierismen widersteht. Unter Richters Ägide erscheint Bach wie im Laboratorium der Musikgeschichte, ein strenger Alchemist der Klangbausteine, der die vorhandenen Ingredienzien mit Gottes Hilfe zur bestmöglichen Mischung kombiniert.

Die Referenz:

"Obwohl Richters Interpretation aus den frühen 60er Jahren des 20. Jahrhunderts stammt, ist sie immernoch beachtenswert, denn die Chorarbeit ist auf den Punkt gebracht, stark und klar." (Penguin Guide)