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08.11.2002

Dunkles Leuchten

Frode Haltli, Dunkles Leuchten

Seit ein paar Jahren verändert sich die Beurteilung des Akkordeons in der hochkulturellen Wertschätzung. Aus dem Armeleuteinstrument ist ein ernstzunehmender Charakter im Konzertsaal und auf Tonträger geworden. Komponisten entdecken seine klangliche Vielfalt und junge Musiker wie Frode Haltli sorgen dafür, das verstaubte Image vom Schifferklavier zu widerlegen. Sein Album "Looking On Darkness" ist zusammen mit Meredith Monks "Mercy" einer der Herbstschwerpunkte des Münchner Edellabels ECM.

In Skandinavien verschwand das Akkordeon seit seiner Erfindung im 19. Jahrhundert nie ganz von der Bildfläche. Das hängt mit dessen Flexibilität zusammen. Egal, ob der Finne seinen Tango oder der Norweger sein Tanzlied hören wollte, die Musiker mit dem Blasebalg waren zur Stelle, denn sie blieben unabhängig von den Stimmproblemen der Pianisten oder den Strombedürfnissen der Gitarristen. Mehr noch: Das Akkordeon wurde sogar zum beliebten Instrument zeitgenössischer Komponisten, die von Arne Nordheim bis Magnus Lindberg dafür zu schreiben begannen. Es ist daher zwar ungewöhnlich, aber nicht überraschend, dass ein junger Musiker wie der 1975 in Levanger nördlich von Trondheim geborene Frode Haltli bereits als Teenager sich mit Nordheims oder Per Nørdgårds Werken befasste. Überhaupt fand er schnell in die klangliche Welt der Gegenwart hinein. Noch als Jugendlicher transkribierte er Stücke von Iannis Xenakis und für die Aufnahmeprüfung an die Norwegian State Academy Of Music in Oslo wählte er anno 1994 Lindbergs "Metal Works". Sein Debüt im Rahmen der ECM New Series knüpft daher an die bereits über die skandinavischen Grenzen hinaus gemachten Erfahrungen mit neuer Musik an und stellt Werke in den Mittelpunkt, die von unterschiedlicher Perspektive sich dem Instrument nähern. Das Spektrum reicht von den folkloregetönten Klangwelten eines Bent Sørensen bis hin zu der polystilistische Suite "Gagaku Variations" von Haltlis Altersgenossin Maja Solveig Kjelstrup Ratkje mit Rückbezügen von der japanischen Kaiserhofsmusik bis zu Steve Reich.

Meredith Monk hingegen muss man nicht mehr entdecken. Seit den späten sechziger Jahren hat sich die New Yorker Sängerin, Komponistin, Choreographin und Installationskünstlerin in den internationalen Avantgardeszene einen Namen gemacht. Ihr Instrument ist die Stimme, die sie in verschiedenen medialen Näherungen immer neu zu definieren sucht. "Mercy" ist in diesem Zusammenhang eine Art Resümee kammermusikalisch introvertierter Herangehensweisen an die vokale Dimension. Gemeinsam mit langjährigen Mitarbeitern wie dem Jazzsänger Theo Bleckmann und dem Perkussionisten John Hollenbeck entstehen auf diesen Weise 14 Miniaturen, die Elemente liturgischer Gesänge ebenso integrieren wie Ansätze der Minimal Music oder Performanceaspekte, die die Klangwelten von Zeitgenossinnen wie Laurie Anderson einbeziehen. So ist "Mercy" ein Feldversuch zur Stimmlichkeit, der trotz aller Abstraktion die sinnlichen und humorvollen Komponenten nicht außer Acht lässt.