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04.10.2002
Claudio Abbado

Werkstatt der Leidenschaften

Claudio Abbado, Werkstatt der Leidenschaften

Es muss einen enormen Spaß machen, "Carmen" zu singen und zu dirigieren. Denn kaum eine andere Oper versammelt derart viel Farben und Emotionen auf ähnlich begrenztem Raum. George Bizets Zeitgenossen allerdings waren da anderer Meinung. Bei der Uraufführung anno 1875 an der Pariser Opéra Comique fiel "Carmen" durch. Die Zeit war noch nicht reif für einen Stoff, der Gefühle nicht in der Camouflage verbarg.

Das Pariser Opernpublikum in der zweiten Hälfte des bürgerlichen 19.Jahrhunderts muss blasierter gewesen sein, als es aus der zeitlichen Distanz erschien. So ungezwungen es in mancher Epochendarstellung wirkt, so deutlich waren doch die Regeln, die man für den Erfolg befolgen musste. Die lyrische Oper zum Beispiel gab sich distinguiert. Emotionen sollten gezügelt werden, Grazie und Eleganz standen im Vordergrund. Wenn überhaupt einmal gelitten und geschwelgt werden sollte, dann in der großen Oper. Hier hatten Tragik und Schicksal ihren Platz, hier lebten und starben Helden in edler Schönheit. Insofern war es für den wenig bekannten Pariser Komponisten George Bizet ein Wagnis, die von ihm umworbene Klientel mit herb romantischen, volksmusikalisch inspirierten Klängen und Figuren aus dem Underdog-Millieu zu konfrontieren. Die Quittung kam postwendend. Nachdem schon das Orchester über zu schwierige Passagen gemault und Bizet zur Streichung mehrerer Details veranlasst hatte, bedachten die Pariser Bürgerlichen die Uraufführung am 3.März 1875 mit eisigem Schweigen. Bizet war gescheitert und erlebt nicht mehr, wie seine "Carmen" nur wenige Jahrzehnte später zu einer der meist gespielten Opern der internationalen Schauspielhäuser wurde.

 

Die Ablehnung verwundert umso mehr, wenn man die burleske und pittoreske Vorlage sich vergegenwärtigt, die Bizet den Zeitgenossen präsentierte. Da war zunächst das literarische Original, eine Novelle von Prosper Mérimée in der Bearbeitung von Henri Meilhac und Ludovic Halévy, die die Geschichte des gesellschaftlich havarierenden und an der femme fatale aus dem Zigeunerumkreis scheiternden Don José Lizarrabengoa mit drastischer Unmittelbarkeit entwickelt. Da gab es aber auch die verschiedenen musikalischen Räume - Stierkampf, Schmuggler- und Zigeunerambiente - die Bizet mit drastischer Konsequenz und sicherem Gefühl für charakteristische Stilelemente gestaltete. "Carmen" ist im Kern eine der aufregendsten Opern der Geschichte, obwohl oder gerade weil sie souverän mit den Klangklischee unterschiedlicher Herkunft umgeht.

 

Daher war sich auch ein großes Festival wie in Edinburgh nicht zu schade, das Werk 1977 von Pierre Faggioni inszenieren zu lassen. Heraus kamen eine Reihe umjubelter Aufführungen und die Version für LP/CD, die im Anschluss an die schottischen Wochen im Sommer des Jahres in London aufgenommen wurde. Die Besetzung war prominent: Teresa Berganza in der Titelrolle, Plácido Domingo als gefühlsgebeutelter Don José, die Londoner Symphoniker unter Claudio Abbado als Garant für perfekt ausdifferenzierte orchestrale Gestaltung, die Ambrosian Singers und der Bubenchor des George Watson's College als passendes Kolorit für die Ensemblepassagen. Alles passte und fügte sich zu einer großartigen Interpretation zusammen, die mit Leidenschaft, Enthusiasmus und eben viel Spaß dem glücklosen Bizet posthum die Ehre erwies.

 

Die Referenz:

 

"Eine hochwertige Interpretation und von der Klangqualität her gesehen Referenz." (Stereoplay 8/1987)