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06.09.2002
Claudio Abbado

Mit Pauken und Trompeten

Claudio Abbado, Mit Pauken und Trompeten

Man kann Janácek auch falsch verstehen. Immerhin strotzt der erste Satz seiner "Sinfonietta" nur so vor Fanfarenklängen. Claudio Abbado jedoch reduziert das Pathos auf ein noch steigerbares Maß, um den Spannungsbogen bis zum Finale durchhalten zu können. Das ist die hohe Kunst der Interpretation, die der junge Dirigent schon 1968 beherrschte.

Es war die Zeit, als Claudio Abbado sich seinen Namen machte. Im Jahr 1933 als Spross einer Mailänder Musikerfamilie geboren, hatte er früh eine ausführliche klassische Ausbildung genossen. Schon als Kind wollte er Dirigent werden und als junger Mann studierte er am Verdi-Konservatorium seiner Heimatstadt. Es folgten die Lehrjahre an der Wiener Musikakademie, Bekanntschaften mit vielen großen Pultkönige der alten Schule. Anno 1958 gab Abbado sein Operndebüt in Triest mit Prokofjevs "Die Liebe zu den drei Orangen". Es folgten Preise, Assistenzen wie bei den New Yorker Philharmonikern, wo der Novize den großen Bernstein bei der Arbeit belauschte. Schließlich half ihm 1965 Herbert von Karajan mit einem Engagement nach Salzburg, auf das bald die ersten Aufnahmen für die Decca folgen sollte.

 

So stand Abbado gerade am Beginn seiner außergewöhnlichen Karriere, als er aufgefordert wurde, im Februar 1966 gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra Auszüge aus Prokofjevs Ballettsuiten "Romeo & Julia" und "Der Narr" aufzunehmen. Der Dirigent kannte sich gut in der Materie aus, hatte bereits mehrfach mit Werken des russischen Komponisten gearbeitet und war mit den Möglichkeiten seines Ensemble gut vertraut. So kam es, dass er sich weder von den Folklorismen, noch von den Expressionismen der Vorlagen beeindrucken ließ. Abbados Prokofjev klingt leicht und transparent, ein bisschen wie Rimsky-Korsakov, sogar ein wenig nach dem frühen Stravinsky.

 

Zwei Jahre später war Abbado noch einmal in der Londoner Kingsway Hall zu Gast, um vor die Mikrofone des Decca-Teams zu treten. Diesmal hatte er sich zwei Kompositionen ausgesucht, die zur damaligen Zeit noch nicht so bekannt waren, wie sie es heute sind. Da war zum einen Leos Janaceks "Sinfonietta", eine 1926 entstandene Hommage des Komponisten an dessen Wahl-Heimatstadt Brünn. Mit neun Trompeten, zwei Tenortuben und zwei Basstrompeten vor allem bei den Bläsern ungewöhnlich besetzt, forderte das fünfsätzige Werk nicht nur Abbado und die Londoner Symphoniker heraus, sondern verlangte auch von den Tontechnikern eine besondere Brillanz, um nicht im Kuddelmuddel der Blechklänge zu versinken.

 

Alle Beteiligten bewältigten ihren Part mit Bravour und so entstand eine Referenzversion der "Sinfonietta", die von den klaren Hörnern als Rahmen bis zu den lyrischen Details des dritten Satzes eine Spannung generierte, die selbst Janacek Spaß gemacht hätte. Demgegenüber wirkten Paul Hindemiths anno 1943 im Exil entstandenen "Sinfonische Metamorphosen" wie luftige Orchesterphantasien, ohne die Bläserschwere und dramatische Direktheit von Janacek. So dokumentieren die Legends-Aufnahmen nicht nur drei selten gespielte Klassiker der Moderne, sondern auch die frühe, unkonventionelle Phase eines Dirigenten, der damals schon zu den besten seines Fachs gehörte.