Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

16.08.2002

Sahnehäubchen

Sahnehäubchen

Manchmal sind Zugaben die eigentlichen Höhepunkte des Konzerts. Mit einem Mal fällt angesichts des anhaltenden Applauses im Saal die Anspannung von den Musikern ab. Sie geben sich ausgelassen auf der Bühne, setzen Kontraste, kommentieren verschmitzt ihr Programm. Das Emerson String Quartett hat über fast zwei Jahrzehnte hinweg diese Momente immer wieder festgehalten. "Encores" ist daher eine ganz besondere Sammlung.

Auch wenn sie ganz ungezwungen erscheinen, so sind Zugaben doch ein fester Bestandteil des jeweiligen Konzertprogramms. Denn sie haben ihre Aufgabe. Für Eugene Drucker, der sich gleichberechtigt mit Philip Setzer die Rolle des 1. Geigers beim Emerson String Quartet teilt, sind sie sogar ein wesentlicher Formaspekt eines Abends, nicht einfach nur eine wohlwollende Dreingabe: "Ein besonderer Reiz von Zugaben besteht unter anderem in ihrer Spontaneität - das Überraschungsmoment für die Zuhörer, während wir Gelegenheit erhalten, uns musikalisch von einer neuen Seite zu zeigen. Die Zugaben sind meist so gewählt, dass sie Parallelen zu den Werken unseres Programms aufzeigen oder im Kontrast dazu stehen. So spielen wir beispielsweise nach einem reinen Beethoven-Programm in der Regel noch mehr Beethoven. Wenn das Konzert aber Teil eines ganzen Beethoven-Zyklus ist, vermeiden wir Überschneidungen mit den anderen Abenden und bieten lieber etwas Haydn, Schubert oder sogar Webern, aber wahrscheinlich spielen wir in diesem Fall gar keine Zugaben".

 

Conclusio oder Contradictio, die Funktion der Miniaturen am Ende der großen Kunst sind vielfältig. Das Emerson String Quartet hat seit mehr als einem Vierteljahrhundert die Gelegenheit gehabt, sie immer wieder neu zu definieren. Seitdem sich das Ensemble noch zu Studienzeiten 1976 an der Juillard School in Manhattan gegründet hatte, gelang es den Musikern im Eiltempo, die großen Säle der Konzertwelt zu erobern. Benannt nach dem Philosophen Waldo Emerson, waren sie bereits 1980 auf dem Niveau, um Uraufführungen wie das "4.Streichquartett" von Mario Davidovsky zu verwirklichen. Seitdem haben sie ihren Ruf mit zahlreichen Tourneen und Plattenaufnahmen gefestigt und sich zu einem der angesehensten Kammerensembles Amerikas entwickelt, dessen Repertoire sich über das gesamte Spektrum der Quartettliteratur erstreckt.

 

Dementsprechend bunt sind auch die Zugaben. Zwischen 1984 und 2001 aufgenommen, präsentieren sie die Bandbreite von Mozarts "Menuetto K.421" bis hin zur Weberns "op.5/3, sehr bewegt" einschließlich diverser Zwischentöne von Beethoven über Brahms bis Debussy. Trotz fehlendem Gesamtwerkcharakter gelingt der Zusammenstellung "Encores" das Kunststück der gewichteten Dramaturgie, die mit Kontrasten zwischen emotionalen Stimmungen, formalen Gegensätzen und stilistischen Unterschieden ein spezielles Programm punktueller Eindrücke ermöglicht. Die einzelnen Aspekte setzen sich zu einem Gesamtrahmen zusammen, der als humorvolle Visitenkarte des Ensembles den idealen Einstieg in die Welt der komplexeren Oeuvres bietet. "Encores" ist eine Sammlung der Sahnehäubchen der Konzertkultur, amüsant und unterhaltsam, künstlerisch ernst und entspannt zugleich.