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26.07.2002

Bengel über Berlin

Bengel über Berlin

Diese Serie folgt zwei Prinzipien. Das erste lautet, dass jemand, der dem Kreis der Popkultur zuzurechnen ist, seinen Lieblingskomponisten klassischer Musik vorstellt. Das zweite, dass jede Ausgabe den Spaß an und das Gefühl für Klassik mit dem Respekt vor ihr vereinen soll. Mit dieser Ausgabe gilt nun ein drittes. Nämlich, dass man Prinzipien auch mal brechen sollte. Mit dieser "Berlin-Edition" verlässt die Reihe den reinen Pfad der Popkultur. Erstmals präsentiert ein Politiker - der Regierende Bürgermeister der Hauptstadt Berlin, Klaus Wowereit - ausführlich seinen klassischen Favoriten: Giacomo Puccini. Und erstmals stellt ein Vertreter der klassischen Zunft - der Chefdirigent der Deutschen Oper in Berlin, Christian Thielemann - warmherzig einen seiner Favoriten vor: Richard Strauss.

Natürlich geschieht das nicht ohne guten Grund. Genau genommen sind es sogar mehrere. Der simpelste: Ab 1. Juli 2002 hat Universal Classics seinen Sitz in Berlin-Mitte. Außerdem sind Politik und klassische Hochkultur keinesfalls Fressfeinde des Populären. Alle drei gehören, jeder auf seine Art, jeder mit seinen ganz eigenen Qualitäten, in den Bereich des Entertainments. Ein Volksvertreter muss, nimmt er diese Bezeichnung ernst, heute einfach wissen, wie er seine Überzeugungen medial vermittelt. Das kann, man nehme Oscar Lafontaines armrudernden Auftritt in einer Techno-Disco, anbiedernd und ungelenk wirken. Das kann aber auch, man denke an Klaus Wowereits schon jetzt legendäres "Bekenntnis", so offen und ehrlich geschehen, dass auch eine eher minoritäre Veranlagung breiten Rückhalt quer durch die Bevölkerung erfährt. Analoges gilt für die Klassik: Gallionsfiguren wie Maria Callas oder Herbert von Karajan jedenfalls kann man nicht vorwerfen, dass sie die Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit nicht beherrschten. Und sie alle - Wowereit wie Puccini, die Callas wie Karajan - dürften wiederum einen Satz von Christian Thielemann im Geiste unterschrieben haben: "Mich nervt, wenn Leute meinen, es gebe nur den einen richtigen Weg." Offenheit als Lebensgrundsatz.

 

Dann Berlin: der dritte Grund. Berlin ist Deutschland unter dem Brennglas. Hier verbinden sich, von Bertolt Brecht bis Marlene Dietrich, vom Bauhaus bis Alfred Döblin, die Höhepunkte einer Ausnahmekultur mit schrecklichster und menschenverachtendster Politik, dem Nationalsozialismus Adolf Hitlers. Hier verbinden sich Ost und West, Currywurst-Kapitalismus mit Soljanka-Sozialismus. Hier konkurrieren "taz" und "Welt" nur einen Steinwurf voneinander entfernt. Hier kämpft die Müllabfuhr mit der anarchischen Spaßkultur in Form der Love-Parade. In Berlin treffen also Gegensätze aufeinander, wird gestritten, gepöbelt, geschrien, manchmal auch gehauen. Und dann wieder gestreichelt und geküsst. Wie auch immer: Es ist etwas in Bewegung. Und da sind wir, frei nach dem Motto der Gemeinschaftskundelehrer, dass Stillstand Rückschritt ist, doch gern dabei.