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05.07.2002
Sviatoslav Richter

Intuition und Herz

Sviatoslav Richter, Intuition und Herz

Lange kannte man Sviatoslav Richter nur als Gerücht und von wenigen Aufnahmen, die den eisernen Vorhang überwanden. Aber was man da hörte, erschien vielen Kennern als Offenbarung. Klarer, ausgewogener Ton, unbeirrbares Formbewusstsein, fulminante Technik - der ukrainische Pianist hatte alles, was man sich von einem Interpreten erhoffen konnte. Und so wurden bereits seine frühen Arbeiten für die Deutsche Grammophon zu Referenzaufnahmen.

Sviatoslav Richter war ein Schüler von Heinrich Neuhaus. Das an sich war schon ein Qualitätsmerkmal. Sein Vater wiederum war Komponist und Organist aus deutsch-slawischer Familie, den es nach Schitomir und Odessa in der Ukraine verschlagen hatte und der seinem Sohn schon als kleines Kind mit der Welt der Oper und Konzertsaalklassik in Kontakt brachte. Nach den Anfängen in der Provinz landete Richter als 22jähriger in Moskau und schaffte mühelos die Aufnahme in die Neuhaus-Klasse am Moskauer Konservatorium. Gemeinsam mit Kollegen wie Emil Gilels wurde er in die Feinheiten der interpretatorischen Praxis eingeführt, befreundete sich mit Mstislaw Rostropowitsch und Sergej Prokowjew, dessen 6.Sonate er anno 1942 zur Uraufführung brachte. Richter wurde zum heimlichen Favoriten des Instituts, gewann drei Jahre später den Allunionswettbewerb für Pianisten in Moskau und avancierte zum Star der sowjetischen Konzerthallen.

 

Seine internationale Karriere allerdings musste noch mehr als ein Jahrzehnt warten. Die perfide Kulturpolitik des Kalten Krieges führte dazu, dass Richter die Ausreise aus der UdSSR nicht gestattet wurde. Die Behörden hatten Angst um ihren Schützling, zumal es dessen Mutter nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland verschlagen hatte. So konnte er erst 1960 in der Tauwetterphase zu einer großen Konzerttournee nach Skandinavien und in die USA aufbrechen - die umso mehr zum gefeierten Ereignis wurde. Richters frühe Aufnahmen im Umkreis des real existierenden Sozialismus hatten hingegen zum Teil abenteuerliche Entstehungsgeschichten.

 

Zu Beginn des Jahres 1959 zum Beispiel spielte er mit der Nationalen Philharmonie Warschau unter Witold Rowickis Schumanns a-moll Konzert op. 54 ein. Die Zusammenarbeit bewährte sich und so folgten bereits kurz darauf zunächst Rachmaninows zweites Klavierkonzert und im April Mozarts Klavierkonzert d-moll KV 466. Die Bedingungen waren eigentlich schlecht, denn der Warschauer Flügel war ungleichmäßig im Anschlag und den Musikern fehlten teilweise die Instrumente. Richter ließ sich nicht beirren, bearbeitete das Klavier so lange, bis es seinen Ansprüchen entsprach und die Sinfoniker liehen sich alles zusammen, was sie bekommen konnten. So kam es zu einer phänomenalen, weil hochmotivierten Aufnahme von Mozarts Meisterstück, langsam im Tempo, verhalten im Gestalten des orchestralen Pathos und umso brillanter in den Klavierpassagen und Kadenzen.

 

Die zweite Aufnahme der Originalsreihe entstand 1962 unter wesentlich besseren Bedingungen. Richter durfte inzwischen reisen, denn die Sowjets hatten seinen Wert als kulturellen Exportartikel erkannt (auch wenn sie ihn auf Schritt und Tritt von KGB-Leuten bespitzeln ließen). So konnten sich die Produzenten um gute Voraussetzungen für die Einspielung von Beethovens Klavierkonzert Nr.3 c-moll op. 37 und des Rondos B-Dur Wo0 6 kümmern. Gemeinsam mit den Wiener Sinfonikern unter der Leitung von Kurt Sandeling hatte man immerhin fünf Aufnahmesitzungen im Großen Saal des Musikvereins zur Verfügung, so dass sich über Tage im September hinweg eine Interpretation zusammen setzte, die getragen und bedeutungsschwer zum einen, nuanciert und fein fließend zum anderen dem bekannten Werk ungeahnte Facetten abgewann. "Normalerweise folge ich der Intuition und dem Herzen", meinte Richter in einem Interview zu den Kriterien seiner Repertoire-Auswahl. Bei Mozart und Beethoven sind ihm mit diesen Vorgaben Meisterwerke geglückt.