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12.07.2002

Jenseits des Zeitgeists

Rafael Kubelik, Jenseits des Zeitgeists

Leos Janacek hatte Pech. Der mährische Komponist wurde am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt geboren, um berühmt zu werden. Die meisten Erfolge stellten sich erst nach seinem Tod ein, als die Menschen feststellten, dass Janacek als dritter großer tschechischer Komponist die musikalischen Ideen seiner Landsleute Smetana und Dvorak in der Klangsprache des 20. Jahrhunderts weiterführte.

Genau genommen waren es Verkettungen von Missverständnissen, die dazu führten, dass Leos Janacek nicht in seiner tatsächlichen Bedeutung als zeitkritischer Kommentator wahrgenommen wurde. Am 3. Juni 1854 im mährischen Hochwald geboren, machte er seine ersten musikalischen Erfahrungen als Chorknabe in Brünn bei Frantisek Krizkovsky, dessen Nachfolge als Ensembleleiter er daraufhin übernahm. Janacek studierte in Prag und an den Konservatorien von Leipzig und Wien, kehrte im Jahre 1881 jedoch nach Brünn zurück, um dort eine Orgelschule zu gründen, aus der später das ortsansässige Konservatorium wurde. Er arbeitete unter anderem als Dirigent der Philharmonischen Gesellschaft, komponierte 9 Opern, zahlreiche sinfonische und kammermusikalische Werke, wurde aber erst 1919 als Dozent an das Prager Konservatorium berufen. Neun Jahre später starb er in Mährisch-Ostrau, noch immer weitgehend unbekannt.

 

Janaceks Dilemma lag vor allem im zeittypischen Geschmack des Publikums und der Kritik. Man stufte ihn als Naturalisten ein, maß ihn an den Ausdrucksformen der Spätromantiker, ohne seine expressiven Qualitäten zu würdigen. Da es ihm nicht um Abbild, sondern um Kommentar der künstlerischen Wirklichkeit ging, waren die Zuhörer pikiert, dass er sich nicht dazu hinreißen ließ, wie seine Landsleute große nationalistische oder volksmusikähnliche Werke zu schreiben. Sicher, da gab es die 1890 entstandenen lachischen Tänze oder auch die sinistre glagolitische Messe, die er 1926 als Jubilatio zum 10. Jahrestag der Tschechoslowakischen Republik skizzierte. Doch solche Werke kamen ohne die Schlüsselreize des Populismus aus. Auch wenn seine Messe sich auf die Glaubensboten Kyrill und Method bezog (die im 9. Jahrhundert das Christentum nach Mähren gebracht und ihre Bibeltexte mit der eigens entwickelten glagolitischen Schrift ins Altslawische übertragen hatten), so verzichtete sie dennoch auf alle Formen der Frömmelei, die vergleichbare Werke süßlich und publikumswirksam machten.

 

Aus der Sicht der Nachgeborenen ermöglicht aber genau diese nüchterne Transparenz der Ausgestaltung erst die Intensität der Empfindung. Kein falsches Gefühl überformt die Musik, Klarheit bestimmt die Wirkung. Für Janaceks Landsmann Raphael Kubelik bekam die "Glagolitische Messe" dadurch eine überzeitliche Qualität, die er mit aller Kraft herauszuarbeiten versuchte. Am 19. November 1964 präsentierte der Dirigent mit dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks das Werk im Münchner Herkulessaal, nur wenige Tage später entstand die Plattenaufnahme. Es wurden bewegene Momente, die der Kritiker der Süddeutschen Zeitung euphorisch umschrieb: "Wie Raphael Kubelik dieses Werk interpretierte, das war unbeschreibbar schön und erregend, bestürzend und begeisternd. Janaceks Musik lebt ihn ihm, er lebt in ihr - und weiß darum besser als jeder andere, aus welchen urtümlichen Quellen sie sich speist".

 

Das gilt ebenso für die bereits im Jahr zuvor mit dem Schweizer Tenor Ernst Haeflinger und der Altistin Kay Griffel festgehaltenen Lieder aus dem "Tagebuch eines Verschollenen", die darüber hinaus Kubelik als ausgezeichneten Pianisten vorstellen. Bei beiden Gelegenheiten bewies der renommierte Interpret, wie tief er in der Musik seiner Heimat gründete, in die er damals aus politischen Gründen noch nicht einmal reisen durfte. Hier trafen zwei verwandte Seelen aufeinander - und die Mikrofone waren zum Glück dabei.