Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

21.06.2002

Der Meistersinger von Nordwales

Der Meistersinger von Nordwales

Es gibt sie nach wie vor, die Jüngerschaar des Richard Wagner. Man findet sie von Bayreuth bis Tokio und es sind ihrer so viele, dass man von einer nicht abreißenden, weltumspannenden Massenhysterie sprechen muss, wenn es um die Musik ihres Meisters geht. Von ihnen wird er und seine Musik vergöttert, die Aufführungen seiner Mega-Opern sind nahezu sakrale Handlungen und Mittelmäßigkeit verbietet sich in diesem Zusammenhang von selbst. Dieser ganze Kult geschieht dann zurecht, wenn Interpreten gefunden werden, die von eben solchem Kaliber sind, wie es diese Konzertereignisse erfordern.

In Berlin haben sich zu diesem Zwecke die Berliner Philharmoniker mit ihrem damaligen Chefdirigenten Claudio Abbado und der Bassbariton Bryn Terfel zusammengetan, um das Werk Wagners erneut heilig zu sprechen. Die Deutsche Grammophon hat davon dankenswerterweise einen Mitschnitt gemacht und zeigt damit den Wagnerianern von Bayreuth bis Tokio, dass dieses Gespann tatsächlich zu den Superlativen gehört.

Kaum ist die CD im Player geht es gleich zur Sache: Streicher säuseln umher, ewigkeitsverkündende Bläser überstrahlen alles Irdische und dämonisch wälzt sich das ganze Orchester hin und her. Es ist die stümische See, auf der der "Fliegende Holländer" mit sich und der Welt ringt. Holzbläser umturteln eine einfache Melodie und erzählen sirenenhaft von der Erlösung durch das "noch unvorhandene, ersehnte, geahnte, unendlich weibliche Weib...".

So etwas lässt Bryn Terfel nicht unbeeindruckt. Er hat Kraft. Er hat Stimmvolumen. Dennoch ist sein sehnsuchtsvoller Gesang "Die Frist ist um" von sensibler Erregung. Doch das Orchester will mehr: es wird zum dramatischen Partner Terfels, der sich trotzig und besessen in apokalyptische Visionen hineintaumelt und gegen die Naturgewalten mit heroischer und kraftstrotzender Geste ansingt.

Einsamkeit zu Beginn des nächsten Monologes. Schattenhafte Bewegungen im Orchester begleiten die Gedanken des Hans Sachs aus den "Meistersingern". Zunächst liedhafte Melodien geraten außer Kontrolle und kollabieren in großen Zerwürfnissen. Was Wagner hier an Poesie und aufwühlendem Schmerz in seine Partituren schreibt will erst einmal gesungen werden! Terfel zeigt in solchen inhaltlich differenzierten Parts seine überaus gelenkige Stimme. Sein Vibrato ist immer kontrolliert, Schönheit und Glanz, wo es hingehört. Wenn es aber sein muss, tritt er auch derb, fest und stark auf. Terfel kann rufen und es ist Gesang. Was man bei ihm hört, ist mehr als nur seine Stimme: es ist seine außerordentliche schauspielerische Begabung, die seine Charaktere so plastisch erscheinen lassen.

In den "Parsifal"-Ausschnitten herrscht eine schroffe Melodik und ein hochkomplexes harmonisches Gefüge. Dieser großartige Klangreichtum hat einst Nietzsche, der zunächst Wagnerianer war und sich später offensiv von ihm abwandte, zu den bösen Worten versteigen lassen, dass er hier statt einer Harmonik lediglich "den Sumpf bewegen" hört. Doch alle Turbulenzen bündeln sich immer wieder in Unisonoklängen, befreien sich und lösen sich in liedhafte Melodien auf, die wieder erneut heranreifen und Größe bekommen.

Natürlich entwickelt Terfel in der "Walküre", wenn er von "holden Lippen" und "strahlenden Augen" singt eine männliche Stärke, die weniger geeignet ist, die Liebste zu umarmen, als gleich die ganze Welt, Himmel und Hölle inbegriffen. Größe und Sentiment kommen bei ihm aber zusammen, so dass er anrühren kann in leisesten Bekenntnissen.

Ob es nun Liebeserklärungen im Flüsterton sind, die vor glücklicher Erregung vibrieren, oder Todesbeschwörungen, die er auf der Opernbühne lebt, Terfel findet scheinbar selbstverständlich immer die richtigen Nuancen. Sicherlich hätte Nitzsche wieder zu Wagner zurückgefunden, wenn ihm damals der Meistersänger von Nordwales begegnet wäre.