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05.07.2002

Herz für Kinder

Herz für Kinder

Der "Taschengarten" war Sergiu Celibidache ein Anliegen: "Es gibt leider viele Kinder, die keinen Garten haben. Aber sicher haben sie alle eine Schublade zu Hause. Wir Kinder, die wir nicht so viel geweint haben, haben für die anderen in diesen schwarzen Rillen ein paar wahre, lustige, neue und natürlich winzig kleine Geschichten versteckt". Denn Musik ist eine Grundlage der Phantasie, der Menschlichkeit. Für diese Maxime ließ sich der Dirigent, der sonst Mikrofone verachtete, freiwillig im Studio aufnehmen. Ein besonderes Dokument in einer großen Musikerbiographie.

Mehr als ein Vierteljahrhundert war seit dem 6. März 1953 vergangen, als Sergiu Celibidache zum bis dato letzten Mal sich in London gemeinsam mit Ida Haendel hatte auf Bändern festhalten lassen. Seitdem galt strengstes Aufnahmeverbot für alle Konzerte, die der in Rumänien geborene Dirigent in der Öffentlichkeit gab. Seine Ansprüche waren hoch, seine Strenge blieb gefürchtet. Schon als er nach 1945 für drei Jahre für Wilhelm Furtwängler die Leitung des Berliner Philharmonischen Orchesters übernahm, hatte Celibidache sich einen Namen als außergewöhnliche Persönlichkeit am Pult gemacht. Immer wieder lehnte er Angebote ab und ließ sich nur zögerlich für ein Orchester verpflichten. Von 1959 an jedoch entspann sich eine regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Rundfunkorchester Stuttgart, die er zwar mal für Meisterkurse in Siena, mal für die Leitung des Rundfunkorchesters in Stockholm unterbrach. Als es jedenfalls dazu kommen sollte, seine eigene Komposition "Der Taschengarten" für die Deutsche Grammophon zugunsten der UNICEF zu verwirklichen, war das Ensemble bereit, sich auf die komplizierte Arbeit mit Celibidache einzulassen.

 

Über fünf Monate im Sommer 1979 hinweg entstanden die Aufnahmen des 13teiligen Werkes gemeinsam mit dem SWR Stuttgart radio Symphony Orchestra. Zuvor hatte sich Celibidache lange mit der Gedankenwelt von Kindern auseinander gesetzt, sie zum Teil am Entstehungsprozess der Musik teilhaben lassen. Jedes einzelne der Klangkapitel sei ein auskomponierter Regelverstoß, meinte er in einem Interview und umschrieb damit nur die Bedeutung der Unmittelbarkeit, die für die Gestaltung grundlegend war. Manche Elemente deuteten Querverbindungen zu großen Kollegen der Zunft an, die Celibidache im Laufe der Jahre gewürdigt hatte. Man konnte ein wenig Debussy, etwas Milhaud, einen Hauch von Prokofiew, eine Idee von Ravel entdecken, wenn man wollte. Doch darum ging es ihm nicht. "Der Taschengarten" sollte vielmehr ein Panoptikum der Phantasie sein, das zu Assoziationen anregt, sie musikalisch weiterführt.

 

Daher reichte Celibidache auch einen poetischen Text dazu, der als Verbindungsglied zwischen Wahrnehmung und Deutung Kinder und Erwachsene in die Richtung seiner Komposition führte. Von tanzenden Käfern und singenden Tulpen liest man da, von der Trauer über einen verlorenen Igel, der schließlich mit Igelin wieder kommt, von einer alten Tanne oder Regen in der Gießkanne. Dazu die Klänge, mal ernst, mal verspielt, tanzhaft oder auch energisch kraftvoll, bis der imaginäre Conferencier die Kinder aus dem Taschengarten wieder herausführt: "Passt auf, dass die Schublade trocken ist, wenn ihr sie schließt. Lasst uns rausgehen, so schnell wie wir gekommen sind durch dieselbe Tür, wenn sie noch da ist". Der Erlös der CD-Ausgabe des ungewohnten Werkes übrigens kommt der Sergiu Celibidache Stiftung zu, die sich um die Ausbildung junger Musiker verdient macht. Und so schließt sich der Kreis wieder, von der Hommage an die Einbildungskraft der Kinder zu deren Umsetzung in der Wirklichkeit.