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08.05.2002

Frühe Perlen

Clara Haskil, Frühe Perlen

Für die Musikwelt war die Einführung der Langspielplatte eine Sensation. Mit einem Mal war man nicht mehr an die Schellack-Einheiten gebunden, sondern konnte rund 20 Minuten Musik pro LP-Seite hören. Mit anderen Worten ganze Sätze von Symphonien, vollständige Konzerte, ausgedehnte Kadenzen. Es war eine neue Welt und es war auch die Geburtsstunde von Westminster Records.

Bereits ein Jahr nachdem die ersten Langspielplatten auf den Markt kamen, machten sich einige Musikliebhaber in New York Gedanken darüber, wie man denn dieses wundervolle neue Medium für die Kunst nutzen könnte. Mit dabei waren der Dirigent Henry Swoboda, der Geschäftsmann James Grayson und der Inhaber des Westminster Record Shops, Mischa Naida, dessen Laden bald darauf dem frisch gegründeten Label seinen Namen geben sollte. Bald war man sich einig, dass es eine große Chance sei, endlich klassische Musik in ihrer ganzen Schönheit darstellen zu können. Es gab außerdem gute Beziehungen nach Wien, Winterthur, aber auch zu den Columbia-Studios in der 30ten Straße, um die geplanten Aufnahmen tatsächlich verwirklichen zu können. So kam es in den folgenden Jahren bis zur Einstellung des regulären Geschäftsbetriebes anno 1965 zu grandiosen künstlerischen Momenten, an denen Koryphäen wie Jörg Demus, Nadia Reisenberg, Peter Rybar und renommierte Ensembles wie das Orchester den Wiener Staatsoper beteiligt waren. Die Mitschnitte wurden weltweit geschätzt, denn sie folgten der Maxime der "Natural Balance", der natürlichen Einheit der Klänge, die nur kaum nachbearbeitet wurde.

 

Zu den ersten legendären Aufnahmen gehörten die Studiotermine mit der rumänischen Pianistin Clara Haskil. Einst als Wunderkind gepriesen, dann durch eine Krankheit ans Bett gefesselt, schließlich wieder genesen, aber von schweren Versagensängsten geplagt, hatte sie trotz ihrer ungewöhnlichen interpretatorischen Kompetenz bis zu diesem Moment im Herbst 1950 erst einmal eine reguläre Aufnahme gewagt. Insofern war es beinahe eine Premiere, als sich die 55jährige Pianistin in Winterthur einfand, um mit dem dortigen Symphonieorchester unter der Leitung von Henry Swoboda Mozarts Klavierkonzert No. 19 und Beethovens Klavierkonzert No. 3 einzuspielen. Im Nachhinein kann man sich über die Laune der Musikkultur nur wundern, einer Künstlerin von derartigem Rang erst so spät eine Chance gegeben zu haben. Aber immerhin, Haskil blieb noch ein Jahrzehnt, um ihren Namen in den Welt bekannt zu machen. Und sie begann diesen Siegeszug durch die Konzertsäle mit den beiden Winterthurer Konzerten, deren Reinheit, Transparenz und interpretatorische Ausgewogenheit (obwohl mono) auch aus der historischen Distanz noch staunen lassen.

 

Im Unterschied zu Haskil konnte Hermann Scherchen im Winter 1960 bereits auf die Errungenschaften der Stereo-Technik zurückgreifen. Der vor allem durch seine Arbeit mit zeitgenössischen Komponisten bekannte Dirigent und Orchesterchef aus Berlin hatte sich über die Jahre hinweg, die ihn von Königsberg über Zürich, Winterthur und Wien bis zum NDR brachten, einen Namen als Garant klarer und werktreuer Interpretationen gemacht. Dass er für Westminster mal nicht zu Hindemith, Stockhausen und Varèse, sondern zu Händel, Torelli und Vivaldi griff, gehörte zu seinen Maximen, ein Gleichgewicht der musikalisch-historischen Kräfte zu schaffen, das das gesamte Spektrum der Ausdruckskraft berücksichtigte. Aus diesem Grund war er darum bemüht, die barocken Autoren aus dem Geiste der Gegenwart zu verstehen und sie aller Schwüle vergangenen Pathos' zu entkleiden. Scherchens "Wassermusik" ist ein klares Statement für die Schnörkellosigkeit und Deutlichkeit einer stilistischen Epoche, deren Verspieltheit im Angesicht der beginnenden Aufklärung nur Fassade war. Es ist darüber hinaus eine herausragende Einspielung, die nicht nur den Dirigenten, sondern auch seine Trompeten-Solisten Roger Delmotte und Athur Haneuse als herausragende Kenner der Kunst präsentiert.