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17.05.2002
Claudio Abbado

Naturereignis: Claudio Abbado

Claudio Abbado, Naturereignis: Claudio Abbado

"Kein anderes Orchester als die Berliner kann so spielen", lobte die 'Welt'. Und die 'Morgenpost' fügte hinzu: "Ein absolut unvergleichlicher Abend". Claudio Abbados Konzertabend im Mai 2001 gehörte zu den gerühmten Musikereignissen der vergangenen Saison. Jetzt kann man ihn auf CD nacherleben.

Als Gustav Mahler an seiner siebten Sinfonie schrieb, lebte er vorübergehend in einer Villa am Wörthersee. Die Entstehung des Werkes zog sich in die Länge, der Fluss der Inspirationen wollte sich nicht recht einstellen. Mahler fehlte der Aufhänger, ein innerer Puls, der das opulente Werk im Anschluss an die "tragische" sechste Sinfonie vorantreiben könnte. Doch eines Tages kam ihm der Zufall zu Hilfe. Gelegentlich ließ Mahler sich zur Zerstreuung über den See rudern. Bei einer dieser Partien fiel ihm der regelmäßige Schlag der Paddel auf, der einen Rhythmus in sich barg. Wenig später schrieb er in einem Brief an seine Frau Alma: "Ich stieg in das Boot, um mich hinüber fahren zu lassen. Bei ersten Ruderschlag fiel mir das Thema (oder mehr der Rhythmus und die Art) der Einleitung zum 1.Satze ein - und in vier Wochen waren 1., 3. und 5.Satz fix und fertig!" Das Empfinden der Natur, die unmittelbare Nähe zu ihren unsichtbaren Kräften wurde zu einem verborgenen Leitfaden, der daraufhin das ungewöhnlich sperrige Werk durchzog. An anderer Stelle kommentierte Mahler seine Bezugnahme auf Naturstimmungen etwa im 2.Satz als "ein nur ganz aus der Ferne verhallendes Herdengeräusch, das der auf einsamer Höhe Stehende erlauscht, als Symbol weltfernster Einsamkeit". Die siebte Sinfonie wurde 1905 vollendet und am 19. September 1908 unter der Leitung des Komponisten selbst uraufgeführt.

 

Und sie gehört bis heute zu den selten gespielten Orchesterwerken des Komponisten. Mag sein, dass es an ihrer stattlichen Länge, an ihrer aufwändigen Struktur oder auch an der verführerisch pathetischen Wucht ihrer akustischen Assoziationsräume liegt - Mahlers Siebte ist noch immer ein Juwel in der Konzertgeschichte. Denn nur selten gelingt es jemandem wie Claudio Abbado, den Mittelweg zwischen der Würdigung der Kraft des Finales, das Mahler selbst gerne als "Der Tag" ankündigte, und der subtilen Ausarbeitung der dunklen Stimmungen des vorangegangenen Scherzos und der beiden introvertierten Nachtmusiken des 2. und 4.Satzes zu finden. Tatsächlich wirkt der letzte Satz wie eine heitere Läuterung nach den durchschrittenen und durchlittenen Untiefen der Melancholie, die von den ersten Teilen des Werkes ausgehen und in ihrer ganzen Bedeutungstiefe offenbar werden. Abbado und den Berliner Philharmonikern gelingt daher ein beeindruckendes Musterstück sinfonischer Ausdruckskunst, das nicht umsonst von der Kritik überschwänglich gefeiert wurde.