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26.04.2002
Claudio Abbado

Gipfeltreffen: Abbados Final Mahler

Claudio Abbado, Gipfeltreffen: Abbados Final Mahler

Claudio Abbado gründete das Gustav-Mahler-Jugendorchester und das Mahler Chamber Orchestra. Und immer wieder greift er auf die komplexen Werke des großen Komponisten zurück. Mit Recht, denn er hat ein besonderes Ohr für die Tiefe der Musik, die man für die Interpretation von Mahlers Oeuvre braucht.

Am 8.Oktober 1989 stimmten die Musiker für ihn. Damals wurde Claudio Abbado zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker gewählt, rund drei Monate nach dem Tod von Herbert von Karajan. Es war der Beginn einer produktiven Ära der Zusammenarbeit, die Wolfgang Schreiber in der Süddeutschen Zeitung vom 26.April treffend beschreibt: "Dieser Mann hat den Philharmonikern, das wissen die Musiker nicht erst seit heute, gut getan. Schon deshalb, weil sich in den zwölf Jahren das Orchester mit Abbados Zustimmung stark verjüngte, sodass nun rund sechzig Musiker zwischen zwanzig und fünfunddreißig Jahre alt sind - was der Orchesterkraft und Spielelastizität genauso nutzt wie einem modernen Repertoireverständnis. Die Musiker haben Abbados verschwiegenen Charakter, seinen Musizierstil, nach anfänglich etwas schwierigem 'Einschwingungsvorgang' erst im Laufe der Zeit 'gelernt'. Probleme hatten manche von ihnen auch mit seiner Probenkargheit - er sagt nicht viel, er probt kaum kapellmeisterlich-korrekt, sondern: intuitiv. Aber dafür findet dann im Konzert 'dieser Sprung in die anderen Dimension' statt, da ist immer 'dieses In-das-Orchester-hineinhören', das Hören von Melodie und Harmonie nach innen, die von Abbado bevorzugte 'Innensicht der Musik', die die Musiker überzeugt, oft genug mitreißt".

 

Schon deshalb ist Claudio Abbado ein idealer Interpret der Sinfonien Gustav Mahlers. Denn für die Beziehungsvielfalt der umfassenden Orchesterwerke braucht es eine spezielle Faszination für die Bedeutungsdichte der Musik. Die 3.Sinfonie d-moll hatte bereits der Komponist mit immensen Ansprüchen gefüllt. Mit dem Untertitel "Natursinfonie" kommentierte er seine Werk euphorisch: "Meine Sinfonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat! Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, das man vielleicht im Traume ahnt! Mir ist manchmal selbst unheimlich zumute bei manchen Stellen, und es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte". Im Oktober 1999 in der Londoner Royal Festival Hall zu Gast, löst Abbado mit den Berliner Philharmonikern und britischen Chorgästen diese Kraft der Musik derart unmittelbar ein, dass selbst die britische Presse nur noch lobende Worte fand ("Oustanding Mahler", The Guardian; "Magnificent", The Independent).

 

Wenige Wochen zuvor liefen ebenfalls die Bänder, als der Dirigent in der Berliner Philharmonie die weit weniger mächtige, dafür finster prophetische Sinfonie N° 9 D-Dur vor Publikum umsetzte. Es war einer der packenden Momente der jüngeren Konzertgeschichte. "Die Berliner flippten aus", kommentierte die 'Morgenpost' und konnte damit nur rudimentär beschreiben, welche Direktheit in der Umsetzung eines Werkes gelungen war, von dem Arnold Schönberg meinte: "Die Sinfonie bringt sozusagen objektive, fast leidenschaftslose Konstatierungen von einer Schönheit, die nur der bemerken wird, der auf animalische Wärme verzichten kann und sich in geistiger Kühle wohlfühlt".

 

Schließlich stand im Mai 2001 noch einmal Mahler auf dem Programm, diesmal die Sinfonie N° 7 in e-moll. Von der Stimmung zwischen der intendierten Fröhlichkeit im Anschluss an die sinistre sechste und der Traumhaftigkeit des sich immer bestimmter in changierende Klangfarbengestaltung vertiefenden Wiener Kapellmeisters, gehört sie noch immer zu den selten kompetent gespielten, von Abbado aber hervorragend umgesetzten Spätwerken Mahlers. "Kein anderes Orchester als die Berliner kann so spielen", lobte die 'Welt' und die 'Morgenpost' fügte hinzu: "Ein absolut unvergleichlicher Abend". So gibt es viele Gründe, mit den Aufnahmen der spektakulären Konzerte noch einmal die Ära Abbado zu feiern und zugleich seinen Mahlerzyklus fortzusetzen. Ein Maestro der Gegenwart verbeugt sich von einem Meister der Vergangenheit. Ein Gipfeltreffen der Kunst.