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15.03.2002

Die Seele der Gitarre

Die Seele der Gitarre

Spanier lieben Gitarren. Möchte man meinen. Doch genau genommen war es erst Andrés Segovia, der seinen Landsleuten das Saiteninstrument wirklich nahe brachte. Aus Anlass seines 15. Todestages am 2. Juni 2002 hat die Deutsche Grammophon eine Edition mit Studiowerken des großen Gitarristen zusammengestellt, die er seit den frühen fünfziger Jahren für die Decca aufgenommen hat.

An der Portico de la Gloria der Pilgerkathedrale in Santiago de Compostela kann man einen griechisch gewandeten Bärtigen bewundern, der in seiner Hand eine urtümliche, geigenähnliche Gitarre hält. Tatsächlich gab es das Saiteninstrument bereits im hohen Mittelalter in Spanien, aller Wahrscheinlichkeit nach als Ableitung der arabischen Laute, die die Mauren mit im kulturellen Gepäck hatten. Seitdem gehört die Gitarre zu den künstlerischen Wahrzeichen der Iberer und machte sich spätestens in der Renaissance auf den Weg, den Rest des musikalischen Europas zu erobern.

 

Allerdings war ihre Entwicklung erheblichen Schwankungen unterworfen. Galt sie zunächst als höfisches Instrument musisch begabter Adeliger, so hielt sie nach und nach im Alltag des Musizierens Einzug. Denn ihre Vorteile waren Flexibilität, Melodie- und Begleitungstauglichkeit, einfache Beherrschung rudimentärer Spieltechniken. Als sie schließlich im 19.Jahrhundert ihre heutige Form angenommen hatte - mit Schallloch in der Mitte, sechs Saiten bzw. Chören und Metallwirbeln zum Stimmen - gehörte sie, zumindest in Spanien, bereits zum Lebensumfeld des einfachen Volkes. Große Gitarrenvirutosen stammten damals aus Österreich (Simon Molitor), Tschechien (Wenzeslaus Matiegka), Italien (Mauro Guiliani) und nur noch selten aus dem Heimatland des Instrumentes (Fernando Sor).

 

Als sich der junge Andrés Segovia aufmachte, Anfang des 20.Jahrhunderts die Konzertsäle der Welt für sich zu gewinnen, fand er sich daher in einer eigenartigen Situation wieder. Zwar hatte es der 1893 im andalusischen Linares geborene Musikenthusiast geschafft, mit seinem Instrument trotz einiger Hindernisse den Weg an die Spitze der klassischen Szene zu finden. Auf der anderen Seite jedoch ging ihm bald das Repertoire aus, weil sich vor allen zeitgenössische Komponisten nur wenig für das leise und im Orchesterzusammenhang zu schwache Saiteninstrument begeisterten. Segovia hatte daher über viele Jahre hinweg mehrere Funktionen. Zum einen schuf er mit Ton, Interpretation und Geläufigkeit die Standards moderner Gitarrenkunst. Bis heute kommt kein junger Kollege an seinen Aufnahmen, spieltechnischen und pädagogischen Erkenntnissen vorbei. Darüber hinaus aber bearbeitete es selbst zahlreiche klassische Vorlagen von Bach über Boccherini bis Albeniz für das unterschätzte Instrument.

 

Durch seine Ausdruckskunst schaffte Segovia außerdem für moderne Komponisten einen Anreiz, sich mit der Gitarre zu beschäftigen. Der erste, der eigene Widmungsstücke für ihn schrieb, war Frederico Moreno Torroba in den frühen Zwanzigern. Ihm sollten berühmte Kollegen wie Mario Castellnuovo-Tedesco, Georges Migot, Darius Milhaud, Joaquín Rodrigo oder auch Heitor Villa-Lobos folgen. Aus diesem Grund ist die Segovia-Edition, die viele eigens für ihn geschaffene Werke enthält, nicht nur ein künstlerisches Juwel, das zentrale Aufnahmen eines der größten klassischen Gitarristen des vergangenen Jahrhunderts aus dessen mittlerer und später Phase vereint. Sie ist darüber hinaus ein Stück Kulturgeschichte, das von den Bach-Transskriptionen bis zu den Widmungskompositionen die Wirkung, Kraft und Faszination eines Musikers dokumentiert, der beflügeln und betören konnte.