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01.02.2002
Kim Kashkashian

Was kann ich singen? Kim Kashkashian im Interview

Kim Kashkashian, Was kann ich singen? Kim Kashkashian im Interview

Eigentlich zählt ihr Instrument zu den Stiefkindern der Musikgeschichte. Aber Kim Kashkashian ignoriert das, spielt Traditionelles wie Allerneuestes. Jetzt veröffentlicht sie mit dem Radio Symphonieorchester Wien unter Dennis Russell Davies zwei Kompositionen von Luciano Berio, "Voci" und "Naturale", aus den Achtzigerjahren. Sensationelle "Stimmen", die Berio in sizilianischen Volksliedern eingefangen hat.

Zum Kim Kashkashian Leitartikel gehts hier.

KlassikAkzente: Als Sie sich auf diese Einspielung vorbereiteten, suchten Sie den Kontakt zu Luciano Berio?

 

Kim Kashkashian: Wenn der Komponist noch lebt und komponiert und seine Stücke vielleicht noch überarbeitet, will man sich natürlich immer mit ihm in Verbindung setzen. Aus dem gedruckten Notentext allein bekommt man nicht immer alle Informationen, die man braucht oder die vermittelt werden sollen. Also ist es sinnvoll, direkt mit dem Komponisten zusammenzuarbeiten. Und es macht Spaß und ist herausfordernd. Bei Berio kommt erfreulicherweise noch hinzu, dass er selbst gerne singt. Wir sangen zusammen und näherten uns so der Partitur. Er versteht es sehr gut, sich mit seiner Stimme auszudrücken. Ich bekam dadurch eine bessere Vorstellung davon, was mit diesen kleinen Noten auf dem Papier eigentlich genau gemeint ist.

 

KlassikAkzente: Es war ein Bratschist, Aldo Bennici, der Luciano Berio die sizilianischen Lieder zeigte, die im Zentrum von "Voci" stehen. Er spielte 1985 und 1986 auch die Uraufführung. Haben Sie mit ihm gesprochen?

 

Kim Kashkashian: Ja, das ergab sich vor kurzem. Er ist eine sehr lebendige Person mit schauspielerischem Talent. Er ist der festen Überzeugung, dass Neue Musik und darstellerische Elemente zusammengehören. Dadurch betrachtet er die Dinge aus einer anderen Perspektive. Er ist Sizilianer und hatte die meisten alten Melodien selbst aufgespürt. Er erzählte ganz viel über die ersten Entwürfe zu dem Werk und die Bedeutung der Volkslieder. Einige dieser alten Lieder haben sehr berührende Texte. Etwas war ihm besonders wichtig: Er erklärte mir, dass die Menschen in Sizilien so stark unter dem Einfluss des intensiven Sonnenlichts auf der Insel stehen, dass eine Persönlichkeit eine "Schattenseite" auspräge, die zur ständigen Beschäftigung mit dem Tod führt. Die Sonnen- und die Schattenseite sind wie die beiden Seiten einer Medaille. Nur, dass sie bei Sizilianern stets zur gleichen Zeit, also simultan, sichtbar sind. Dadurch erscheinen diese Lieder in einem ganz neuen Licht und auch die Kompositionen, für die Berio jene Lieder verwendete und bearbeitete. Ein Beispiel: Eines dieser sehr schlichten und schönen Lieder hat einen herzzerreißenden Text. Eine Mutter bittet Gott: "Gib meinem Kind bitte ein Heim, nimm mein Kind zu Dir." Sie will damit sagen: "Ich kann hier nicht für dieses Kind sorgen, ich habe nicht genug zu Essen, ich bin nicht im Stande, mein Baby zu versorgen, bitte, gib meinem Baby ein Heim im Himmel." Sie sagt also eigentlich, dass dieses Kind sterben soll, weil es dann glücklicher wäre. Vielleicht klingen die Melodien relativ harmlos, verglichen mit der Tiefe und der Dichotomie, die in den meisten Texten steckt.

 

KlassikAkzente: "Naturale" und "Voci" erscheinen sehr unterschiedlich. Sehen Sie das auch so?

 

Kim Kashkashian: Ihre Montage und ihr Affekt sind tatsächlich sehr verschieden, aber das, was man im Deutschen ihren "Ausgangspunkt" nennt, ist eigentlich identisch. Das Stück "Naturale" mit seiner präzisen Klangfarbe, bestehend aus Viola, Schlagzeug und der menschlichen Stimme vom Band, wird von einer kompakteren und intensiveren Erfahrung getragen. Ursprünglich war es als Theaterstück für einen Tänzer geplant. Das andere Stück von Berio, "Voci", ist vielleicht dichter konstruiert, es gibt mehr Berio in ihm. Seine Stärke liegt in der Orchestrierung, die hier wirklich phänomenal ist. Die Orchestrierung und die komplexe Konstruktion des Werkes reflektieren diese Lieder nicht nur, sie stellen eine wesentliche Erweiterung dar.

 

KlassikAkzente: Ihre Art, Viola zu spielen, wird oft mit Gesang verglichen. Beeinflusst das auch Ihre Interpretation dieser Stücke?

 

Kim Kashkashian: Es ist nicht wesentlich, dass die Wiedergabe der Gesangsstimme in "Voci" nicht zu hören ist, weil alle Melodien von der Viola gespielt werden - wie übrigens auch in "Naturale", wo die Farbgebung der Linien ganz beherrschend ist. Aber um auf die Frage zu antworten, woher der Impuls stammt, wenn man mit einem Instrument singt, möchte ich noch einmal Aldo Bennici zitieren. Er sagte zu mir: "Ich begann, Viola zu spielen, weil ich einen Klanglichkeit suchte. Und zwar weil ich glaubte, dadurch zu Gott sprechen zu können." Das war nicht pathetisch. Er sagte, dass er als Kind wie alle Sizilianer religiös war, und glaubte, zu Gott am besten durch den Klang, die Stimme seines Instruments sprechen zu können. Ich sehe das wie Bennici: Es besteht kein Unterscheid zwischen der Vokalisierung auf einem Instrument, dem Klang, den ein Instrument erzeugt, und dem, der aus der Brust und aus den Stimmbändern eines Menschen kommt - vorausgesetzt man hat das Glück, entsprechend ausgestattet zu sein. Also ist der Impuls identisch, und sollte es im besten Fall auch stets sein.

 

KlassikAkzente: Vor kurzem haben Sie Bartóks Viola-Konzert aufgenommen. Bartók fällt einem ja als Erstes ein, wenn man vom Einfluss der Volksmusik auf die Musik des 20. Jahrhunderts spricht. Finden Sie diese folkloristischen Elemente in der Neuen Musik generell reizvoll?

 

Kim Kashkashian: Da muss ich in zwei Teilenantworten. Bartóks und Kodálys Bemühungen um die Volksmusik - oder die "Landmusik", wie Bartók sie in Abgrenzung zur "Stadt-" oder "Kunstmusik" nannte - sind nur deswegen so bekannt, weil sie so gut dokumentiert sind. Auch für viele andere Komponisten war die Musik ihres Volkes und ihrer Kultur der "Ausgangspunkt" ihres Schaffens. Vielleicht nicht immer so bewusst wie bei Bartók. Aber es trifft doch auf viele Komponisten zu, sicherlich auf Brahms und Schubert. Bartók ist also nur insofern besonders, als er Volksmusik sehr intensiv erforscht hat, seine Ergebnisse gut dokumentiert vorliegen und diese Forschung einen sehr wichtigen, wenn nicht den wichtigsten Aspekt seiner Arbeit ausmacht. Der andere Teil Ihrer Frage ist etwas schwerer zu beantworten. Die Musik des 20. Jahrhunderts entfernt sich an ihrer Oberfläche mehr und mehr von dem, was wir Volksmelodien nennen würden oder organische, menschliche Rhythmen und Harmonien. Sie bezieht sich mehr und mehr auf ein Ziel, das außerhalb des Menschen liegt. Dennoch bleibt der Vergleichspunkt, der Bezugspunkt für den Musiker, den Interpreten und auch für den Zuhörer ein subjektives Element. Nämlich, die Frage: "Was kann ich singen?"

 

KlassikAkzente: Sie arbeiten besonders gern mit Dennis Russel Davies zusammen?

 

Kim Kashkashian: Ja, das kann man am Repertoire unserer gemeinsamen Aufnahmen gut erkennen. Er hat einen Sinn für dieses gesangliche Element, für diese Notwendigkeit zu atmen, und ist in dieser Hinsicht eine unglaubliche Stütze. Zudem war er Berios Schüler, er hat bei Berio studiert, wodurch er ihm stark verbunden ist und die Zwischentöne des Notentextes sehr gut versteht. Er weiß, wie man sie umsetzen kann. Dass Berio und Dennis sich gegenseitig so sehr vertrauen, war mir sehr wichtig.