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25.01.2002

Interview mit Azizah Mustafa Zadeh

Interview mit Azizah Mustafa Zadeh

Können Sie erklären, was Mugam ist?

Mehr zum Album "Shamans" finden sie hier.

 

Können Sie erklären, was Mugam ist?

 

Aziza: Mugam ist in erster Linie Improvisationsmusik. Sie wird nicht in Noten festgehalten, sondern von einer Generation an die nächste weitergegeben; man lernt sie einfach beim Heranwachsen. Andererseits ist sie aber auch eine sehr etablierte und komplizierte Musikform mit Tonleitern und Vierteltonleitern und oft sehr langen Kompositionen.

 

Können Sie uns etwas über den Einfluß erzählen, den Ihr Vater auf Sie ausgeübt hat?

 

Aziza: Je älter ich werde, desto mehr wird mir bewußt, wie fantastisch Vagifs Musik wirklich war. Er war ein herausragender Musiker, der die Brücke zwischen Mugam und dem Jazz schlug. Es ist nicht leicht, mich jetzt, wo mein Vater nicht mehr lebt, mit seinem Genie auseinanderzusetzen. Aber meine Mutter und ich haben gelobt, daß wir uns seinem Leben und seinem Andenken widmen werden. Es ist unsere Aufgabe, seine Arbeit fortzusetzen.

 

Haben Sie das Gefühl, daß Vagif Ihnen auch jetzt noch nahe ist?

 

Aziza: Aber ja, im Geist ist er mir nahe. In meiner Kompositionen "Endless Power" auf meinem neuen Album spreche ich von der unendlichen Kraft seines Geistes. Doch, sein Geist ist eine große Inspiration für mich.

 

Wollten Ihre Eltern von Anfang an, daß Sie zu einer klassischen Musikerin ausgebildet werden?

 

Aziza: Mein Vater wußte immer schon, daß ich Pianistin und Sängerin werden würde. Als ich drei war, sagte ich zu ihm: "Ich will unbedingt auf die Bühne!" Es gibt sogar noch Aufnahmen von Stücken, die ich mit drei Jahren spielte; es ist seltsam, wenn ich sie mir heute anhöre. Meine Eltern wollten zwar immer, daß ich Musikerin werde, aber ich war ziemlich ungezogen und übte fast nie. Ich erinnerte mich immer nur an die ersten 12 oder 15 Takte eines Stücks von Bach oder Beethoven, und danach improvisierte ich einfach. Zuerst gefiel das meinen Lehrern, aber dann schrien sie nur: "Was macht die denn da?" Und was den Gesang betrifft - ich glaube, ich habe die Stimme meiner Mutter geerbt; sie war früher eine wunderbare Mezzo-Sopranistin (die durch meinen Vater dann auch mit Jazz in Berührung kam). Allerdings glaube ich nicht, daß meine Stimme schon so kraftvoll ist wie ihre.

 

Haben Sie das Gefühl, daß Ihre Musik mittlerweile Ihre ganz persönliche ist?

 

Aziza: Darüber denke ich eigentlich nie nach. Ich folge einfach meinem Gefühl. Im Grunde werde ich kaum von anderer Musik beeinflußt, weil ich vorwiegend die Musik meiner Eltern höre und manchmal auch klassische Musik. Ich höre nicht einmal mehr Jazz, weil Musiker wie John Coltrane, Thelonious Monk, Duke Ellington, Sarah Vaughan, Billie Holiday und Ella Fitzgerald nicht mehr am Leben sind. In England schrieb jemand mal, ich sei die "islamische Sarah Vaughan". Das ist eine große Ehre für mich, denn Sarah Vaughan ist für mich die Königin der Balladen. Sie erfüllte alles, was sie tat, mit der Größe ihrer Seele.

 

Ein Stück heißt "Bach-Zadeh" - ist Bach Ihr liebster klassischer Komponist?

 

Aziza: Ja, das stimmt. Mein Vater sagte immer, wenn Bach heute leben würde, wäre er ein Jazzer, und das glaube ich eigentlich auch. Das Stück auf dem Album ist eines meiner liebsten Stücke aus der "Partita in e-Moll". Es ist fantastisch.

 

Was bewundern Sie insbesondere an Bach? Das Mathematische? Aziza: Nein. Er ist theoretisch einfach perfekt. Außerdem ist Bach für mich einer der sanftesten Komponisten aller Zeiten. Seinen Präludien und Fugen merkt man, daß er eine große Seele hatte. Aber andere Werke sind sehr tragisch, zum Beispiel "Präludium und Fuge in b-Moll". Da möchte man immer nur weinen.

 

Hören Sie sich vor allem seine Klavierstücke an oder auch die "Matthäus-Passion", die Kantaten, etc.?

 

Aziza: Ach, ich liebe seine ganze Musik. Bach ist einfach universal. Wenn ich mir seine kleineren Stücke ansehe, denke ich mir manchmal: Mein Gott, er muß sehr einsam gewesen sein, obwohl er eine große Familie hatte. Vielleicht hatte er niemanden, der ihn so verstand, wie er es brauchte. Mein Vater hatte in der Hinsicht Glück. Er hat zwar nicht lange gelebt, aber er hatte eine wunderbare Frau, die ihn verstand. Ich möchte im Leben so vieles verstehen, denn nur die Vielfalt macht das Leben interessant.

 

Was bedeutet Ihnen Chopin?

 

Aziza: Sehr viel. Als Kind habe ich oft Sachen von Chopin gespielt, und mir gefallen seine kurzen Stücke immer noch, die Mazurken und die Präludien. Seine größte Qualität ist in meinen Augen, daß er in so kleine Stücke so viel Gefühl legen konnte. Außerdem war Chopin sehr jung, als er starb, genau wie mein Vater. Ich finde, seine Werke haben etwas Zerbrechliches und Sanftes. Mir gefallen insbesondere seine Walzer, die Präludien und Mazurken. Allerdings würde ich nicht sagen, daß Chopin sich zum Üben eignet, weil seine Musik Stimmungssache ist. Chopin spielt man nur, wenn einem danach ist, Chopin zu spielen.

 

Warum haben Sie das Album "Shamans" genannt?

 

Aziza: Es ist der Name des Stücks, das meiner Ansicht nach das zentrale des Albums ist. In Konzerten ist das Stück sogar noch besser. Es entstand im Verlauf von neun oder zehn Konzerten, und obwohl ich immer gleich anfange, mit langen, hallenden Noten, spiele ich es dann jedes Mal anders; ich habe das Gefühl, daß das Stück mich führt. Ein paar Melodielinien bleiben vielleicht, aber ich improvisiere immer um sie herum.

 

Gibt es in Aserbaidschan Schamanen?

 

Aziza: Ja. Eigentlich nennen wir sie anders, aber die Menschen kennen das Wort "Schamane" besser (es bezieht sich auf Menschen, die angeblich mit den Geistern kommunizieren). Für mich ist die spirituelle Seite des Lebens die wichtigste. Ich sehe Schamanen, wenn ich singe, ich stelle sie mir vor, und ich glaube, sie kommunizieren mit mir. Wenn ich an sie denke, sehe ich Feuer und Menschen mit langen Haaren, die sehr magisch sind. Sie beten rund um das Feuer und haben ganz besondere Gaben. Sie können Menschen heilen.

 

Näheres zur aktuellen CD von Azizah Mustafa Zadeh finden sie hier.