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31.01.2002

Shamans

Shamans

Bislang war wenig über die Musik aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan bekannt, doch Aziza Mustafa Zadeh setzt nun alles daran, diese Lücke zu schließen. Aziza verbindet in ihrer Musik den Osten mit dem Westen, die Klassik mit dem Jazz, die Vergangenheit mit der Gegenwart.


Ein Interview mit Azizah Mustafa Zadeh finden sie hier.

Auf "Shamans", ihrem Debütalbum für Decca, stellt Aziza einmal mehr all ihre Talente unter Beweis: als Pianistin, Sängerin, Komponistin und Arrangeurin. "Man könnte sagen, daß meine Musik eine Art Regenbogen ist", erklärt sie. "Ich folge gerne meinem Herzen, meinem Gefühl, und tue, was ich empfinde. Musik stellt eine wunderbare Brücke zwischen den Menschen her, sie braucht keine weitere Erklärung, keine Wörter und keine Sprache. Man kann Musik nicht berechnen, sonst verliert sie ihre Bedeutung."

 

Aziza Mustafa Zadeh wurde am 19. Dezember 1969 in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan, geboren. Beide Eltern waren Musiker: Ihr Vater, Vagif Mustafa Zadeh, war Pianist und Komponist und wurde dadurch berühmt, daß er Jazz und Mugam, die traditionelle Volksmusik Aserbaidschans, miteinander verschmolz. Seine Frau Eliza Mustafa Zadeh war eine klassisch ausgebildete Sängerin aus Georgien.

 

Oder angesichts der zur Zeit vorherrschenden Vielzahl südamerikanischer Tenöre über die nationalen Unterschiede in den Timbres der Latein- und Nordamerikaner:

 

Schon als kleines Kind liebte Aziza alle Formen des künstlerischen Ausdrucks - Tanz, Malerei, Gesang - und sie trat bereits als Dreijährige zusammen mit ihrem Vater öffentlich auf und improvisierte mit ihrer Stimme. Aber es war ihre pianistische Begabung, die sich letztlich durchsetzte. Sehr früh erhielt Aziza am Konservatorium von Baku klassischen Klavierunterricht. Zwar liebte sie J. S. Bach und Frédéric Chopin, tat sich aber mehr noch durch ihr außergewöhnliches Improvisationstalent hervor. "Ich war als Kind ziemlich ungezogen und habe nie genug geübt", gesteht sie. "Ich möchte nicht sagen, daß jeder so sein sollte wie ich, aber für mich ist es einfach unmöglich, ein- und dasselbe Stück ständig zu wiederholen. Wenn ich keine Lust habe zu spielen, dann spiele ich nicht, weil es besser ist, gar nicht als schlecht zu spielen."

 

Der tragische Tod ihres Vaters - er starb am 17. Dezember 1979 (zwei Tage vor Azizas 10. Geburtstag) mit 39 Jahren während eines Bühnenauftritts - war für die junge Aziza und ihre Mutter ein ganz schwerer Schlag und wurde der entscheidende Wendepunkt im Leben der kleinen Pianistin. "Es war wie ein Erdbeben, eine absolute Katastrophe", sagt sie. "Mein Vater starb auf der Bühne, er hatte gerade sein Lieblingsstück 'The Man I Love' von Gershwin gespielt."

 

Als Reaktion auf die Krise gab ihre Mutter ihre eigene Karriere als klassische Sängerin auf und beschloß, sich von nun an vor allem der musikalischen Begabung ihrer Tochter zu widmen. Heute ist sie ihre Managerin, und Aziza baut bei ihren Kompositionen und Aufnahmen sehr stark auf das mütterliche Urteil. "Ich verlasse mich auf sie - sie ist eine versierte klassische Musikerin und hat durch meinen Vater auch Erfahrung mit Jazz", erklärt Aziza. "Überhaupt versteht sie sehr viel von Musik, Geschichte und Literatur."

 

Das Erbe ihres Vaters, des Pianisten und Komponisten Vagif Mustafa Zadeh, hat von jeher einen großen Einfluß auf Azizas Musik ausgeübt. Unter dem sowjetischen Regime konnte Vagif mit seiner Musik nur selten im Ausland auftreten - auch wenn er mit der Komposition "Waiting For Aziza" beim World Jazz Competition in Monaco 1978 den ersten Preis gewann. Weitgereiste und aufgeschlossene Musiker kannten allerdings auch damals schon seine innovative Fusion von Jazz mit der traditionellen aserbaidschanischen Mugam-Musik.

 

So erzählt Aziza von ihrem Besuch als 17jährige in Washington, D.C., wo sie den Thelonious-Monk-Klavierwettbewerb gewann. Dort begegnete sie dem Trompeter Dizzy Gillespie. "Er spielte in Washington im Blues Alley Jazz Club und am Ende seines Auftritts gingen wir zu ihm hinter die Bühne", erinnert sich Aziza. "Er sah sofort, daß ich aus dem Ausland komme, und ich erzählte ihm, daß ich aus Aserbaidschan stamme. Da sagte er: 'Ach, Vagif!' Ich war erstaunt, daß er von meinem Vater gehört hatte. Er sagte: 'Er war ein Genie, aber ich glaube, er war vor seiner Zeit geboren.' Damit hatte er absolut Recht. Ich habe mich sehr gefreut, daß ein Musiker wie Dizzy meinen Vater schätzte."

 

Etwa zur selben Zeit zog Aziza mit ihrer Mutter nach Deutschland und konzentriert sich seither ganz darauf, ihre eigene, unverkennbare Musikrichtung zu entwickeln.

 

1991 brachte sie ihr erstes Album heraus, das den schlichten Titel "Aziza Mustafa Zadeh" trug. Es war sofort klar, daß sich hier eine Künstlerin mit einer außergewöhnlichen, auffallenden Stimme vorstellte, die es schaffte, die traditionelle Musik ihrer Heimat mit Elementen des Jazz und der Klassik zu verbinden. Dieser positive Eindruck wurde noch verstärkt durch ihr Album "Always", das sie 1993 mit Chick Coreas Rhythmusgespann - Dave Weckl (Schlagzeug) und John Patitucci (Baß) - einspielte und für das sie sowohl mit dem Echo-Preis als auch mit dem Jazz Award des Deutschen Phonoverbands ausgezeichnet wurde. Ihr Klavierspiel ordnete ein begeisterter Kritiker damals zwischen "Bud Powell, Rachmaninoff und den Arabischen Nächten" ein, ihre Art zu singen zwischen "Betty Carter und der Spitze eines Minaretts".

 

Da sich die Kunde von ihrer herausragenden Begabung in Windeseile verbreitet hatte, war es für Aziza ein Leichtes, für die Studioaufnahmen von "Dance Of Fire" (1995) eine wahre All-Star-Band um sich zu sammeln. Von diesem Aufgebot, zu dem Gitarrist Al Di Meola, Bassist Stanley Clarke, der ehemalige Weather-Report-Schlagzeuger Omar Hakim und Saxophonist Bill Evans gehörten, hätte sich eine weniger selbstbewußte Künstlerin vielleicht einschüchtern lassen, aber Aziza produzierte wieder ein Album, das unverkennbar ihren musikalischen Stempel trägt. "Aziza ist ein Genie, als Komponistin wie als Musikerin. Ihre Musik sagt mir sogar noch mehr als der normale Jazz, denn was ich bei ihr höre, ist ihre eigene Kultur", sagte Di Meola. "Ich höre Aserbaidschan."

 

Ihre Konzerte waren von nun an ausnahmslos ausverkauft - in London und Paris ebenso wie in Istanbul und Tel Aviv. Als sie auf dem Cover von "Seventh Truth" (1996) wenig mehr trug als ihre langes Haar, löste das eine gewisse Unruhe aus. Obwohl dieses Bild, wenn man so will, doch nur die "Nacktheit" der Musik dieses Albums reflektierte, die fast ausschließlich auf Klavier und Stimme reduziert war. Auf ihrem nächsten Album, "Jazziza" (1997), kombinierte sie dann eigene Kompositionen mit Jazzstandards wie "My Funny Valentine" und Paul Desmonds "Take Five".

 

Jetzt liegt "Shamans" vor, eingespielt in den Londoner Abbey Road Studios. Auf diesem Album setzt Aziza sich verstärkt mit der spirituellen Seite ihres Wesens auseinander. Die CD verknüpft ihre verschiedenen musikalischen Stilrichtungen und demonstriert bei "Bach-Zadeh" oder bei "Portrait Of Chopin" brillant ihr vom klassischen Stil geprägtes Klavierspiel, während sie bei Kompositionen wie "Ladies Of Azerbaijan" oder "Sweet Sadness" fulminant ihre sehr persönliche Gesangstechnik entfaltet. Der Titelsong ist ungewöhnlich für Aziza: Sie verwendet nur Schlagzeug, das Zirpen einer Grille und mehrfache Overdubs ihrer eigenen Stimme, um eine mystische Schattenwelt entstehen zu lassen. "Für mich ist der spirituelle Aspekt des Lebens der wichtigste", erklärt sie. "Schamanen sind besondere Menschen - sie können andere heilen."