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13.12.2001
Fritz Wunderlich

"Wie stark ist nicht dein Zauberton"

Fritz Wunderlich, Wie stark ist nicht dein Zauberton

Eine der schönsten und intensivsten Tenorstimmen des letzten Jahrhunderts, eine beispiellose Karriere, eine Legende damals wie heute: Fritz Wunderlich. Aus seinem begnadeten, aber erschütternd kurzen Leben hat er eine nahezu unüberschaubare Fülle an so wertvollen Aufnahmen hinterlassen, dass es auch nach 35 Jahren immer noch lohnenswert ist, diese der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So hat sich die Deutsche Grammophon in die Tiefe ihrer Archive begeben, um diese unerhört zahlreichen Aufnahmen inkl. bisher unveröffentlichten Material, zutage zu fördern, von denen wohlgemerkt nur eine Auswahl auf 4 CDs das zeitlose Faszinosum Wunderlich einzigartig portraitiert.

Eigentlich hieß er Friedrich Karl Otto Wunderlich, der 1930 geborene Naturbursche aus der Pfalz, der bereits mit 17 zum ersten Mal als Sänger die Bretter, die in diesem Falle zunächst die Provinz bedeuteten, betrat.

 

Gesangsunterricht, 1950 Musikhochschule in Freiburg, Meisterklasse der bedeutenden Gesangslehrerin Margarethe von Winterfeld sowie erste Verpflichtungen als Sänger waren die Stufen zu einem Sprungbrett. Und er sprang. Er sprang ohne Abschluß von der Musikhochschule direkt in einen Fünfjahresvertrag nach Stuttgart an die Staatsoper. Von dort aus 1959 weiter an die Bayerische Staatsoper München. Die Salzburger Festspiele brachten ihm noch im selben Jahr den internationalen Durchbruch. Die erste Adresse der Welt, die Wiener Staatsoper, feierte ihn seit 1963 als die größte sängerische Begabung seiner Zeit auf ihren Brettern, die nun wirklich die Welt bedeuteten, Sprungbretter, die ihn im Jahre 1966 über das Wasser nach New York an die Metropolitan Opera katapultieren sollten. Doch dazu kam es nicht. Wenige Tage vor seinem Amerika-Debüt stürzte er. Und zwar stürzte er tragischerweise die Treppe hinab - ein Unfall, an dessen Folgen er, 35 Jahre jung, verstarb.

 

Bis heute gilt Wunderlich als der Mozart-Tenor par exellence. Seine jugendlich frische und kraftvolle Stimme machte ihn zum unumstrittenen "Tamino", an dem sich alle seine Kollegen bis heute messen müssen. Seine legendären Aufnahmen der "Zauberflöte" mit Karl Böhm und der "Entführung aus dem Serail" mit Eugen Jochum machen diese Edition zu einem Muss nicht nur für Wunderlich-Fans, sondern auch für Mozartianer.

 

Anders sieht das mit den Bach-Einspielungen aus:

 

Verfechter der historischen Aufführungspraxis, wie sie sich seit Harnoncourt sicherlich zu Recht durchgesetzt hat, verweisen alle früheren, aber zweifellos wertvollen Aufnahmen als stilistische Verfehlungen aus dem Hörfeld der Öffentlichkeit. So kommt es, dass Wunderlich nur wenigen als Bach-Interpret bekannt ist. Gerade als ein solcher begegnet er zum ersten Mal seinem Kollegen Fischer-Dieskau, der aus diesem Anlass bekennen muss: "Fast erschrak ich beim Hören, denn diese Stimme hatte einen berückenden Schmelz und dabei doch das notwendige Gran Metall im Klang, wie es so von deutschen Tenören schon seit langem nicht mehr zu vernehmen war.". Dies kann auch heute noch ein Hinweisschild sein für alle, die wie Wunderlich die Musik suchen und dazu nicht ein Museum für Musikgeschichte betreten müssen, noch dazu eines, das es zu dessen Zeit nicht gab.

 

"Ich bin sehr spät erst zum Lied gekommen" bekennt Wunderlich. Und tatsächlich wird er 1962 von der Kritik als jemand bezeichnet, der wirkliches Liedersingen noch nicht böte. Das ist kaum vorstellbar, da er wenig später als konkurrenzlos unter den großen Liedersängern seiner Zeit gilt. Ohne falsches Pathos und ohne Sentimentalitäten läßt er die Lieder aus Schumanns "Dichterliebe" und natürlich Schuberts "Ständchen" leise durch sich selbst flehen. Gerade diese Tugend der Zurücknahme ist bei Opernsängern selten und macht die Aufnahmen mit Wunderlich so einzigartig.

 

Es ist ein Irrtum zu meinen, dass diese Natürlichkeit des Singens nichts mit harter Arbeit zu tun hätte. Ein privater Probenmitschnitt, der als Bonus-CD dieser Edition beigelegt ist, bietet einen faszinierenden Einblick in die Werkstatt eines großen Sängers und seines Begleiters Hubert Giesen. Das zu hören ist ein wenig so, wie in einem fremden Tagebuch zu blättern: Plötzlich steht der Startenor jenseits des Rampenlichts in Hausschuhen im eigenen Wohnzimmer und probt: "Und wüssten's die Blumen, die kleinen". Das Ganze ist so symphatisch und gleichzeitig von einer derart konzentrierten Ernsthaftigkeit durchdrungen, dass man die Größe dieses Künstlers und eben auch des Menschen nahezu greifen kann.

 

Mit derselben Begeisterung, die er Mozart oder Schubert entgegenbringt, singt er auch: "Ich bin ja so galant, Madame". Weil es ihm eine "Höllenfreude" machte, sich "stimmlich auszutoben", sind sogar im sogenannten "leichten Fach" glänzende Aufnahmen entstanden, die allein seinen Ruhm hätten begründen können.

 

Was für diese Edition zutage gefördert wurde ist ein überwältigender Schatz, der womöglich noch Generationen in glückliches Erstaunen versetzt.