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14.12.2001

The Park

The Park

IPURI macht Mode. Eine Mode, die nicht nur für Kleidung steht, sondern auch für die Art, sich zu kleiden. Die Ästhetik des Einfachen wird über die Stoffe und Schnitte hinaus zu einem Lebensstil, der sich auf der bei DECCA erscheinenden CD "A Touch Of Classic 1 - The Park" auch hören lassen kann. Treffsicher wurde hier Musik ausgewählt, die wohltuend und unaufdringlich daherkommt und sich vornehmlich in Bildern fortbewegt. Für Träumer, die aus dem Fenster ins Freie denken, ist dies die richtige Begleitung für solches Tun.

Unprätentiös und doch sang- und klangvoll gestaltet der Spanier Frederico Mompou "Cuna", ein Stück, dessen Melodie wohl kaum ein Ohrwurm ist. Darum geht es auch nicht. Viel stärker als die Melodie ist die Atmosphäre einer etwas sentimentalen Zufriedenheit, die die eigene, innere Mitte in angenehme Schwingungen versetzt. Verträumte Akkorde des Orchesters, zwar dicht und dissonant, schweben so natürlich, wie Schmetterlinge sich auf Blüten setzen. Die Soloinstrumente, Gitarre und Klavier, verweben sich ineinander zu einem Klangteppich, der gerade nur so wenig schwebt, dass man dieses kleine Wunder nicht bemerken muss. Dann ein Rauschen, wie Blätter, wenn ein leichtes Lüftchen weht. Es ist "Earth", eine Komposition von Hans Zimmer. Die Trompete schreitet vorbei und sagt etwas Gelehrtes. Die Celli nehmen den Gedanken auf und machen Poesie daraus.

 

Um bei den Bäumen zu bleiben, die es in diesem Park offensichtlich gibt: Die Waldhörner aus der "Nocturne" von Felix Mendelssohn Bartholdy verkünden unbeirrt eine volksliedhafte Melodie. Und wie Bäume nun einmal sind, steht auch diese Melodie in allen strophenhaften Wiederholungen unverändert, stark und schön. Doch es geschieht etwas: Es sind die Vibrationen im Blätterwerk, die das Orchester verursacht. Ganz vorsichtig geben sie dem Motiv eine lyrische Färbung und verschwinden wieder. Noch einmal ein Horn, diesmal von Gustav Holst in mechanisch-schritthafte Bewegung gesetzt. Dieses Voranschreiten kommt jedoch immer wieder zum Stillstand. Impressionistische Klänge öffnen und schließen sich, und es entwickelt sich ein Spiel mit Licht und Schatten. Schließlich wird alles Schattenhafte vom Licht überstrahlt und dem Nichts überführt.

 

In diesem Park gibt es auch für die Liebe einen Platz an der Sonne. Das "Adagio" von Massenet, einer großen Cantilene für Violine und Orchester, ist so ein lichtdurchfluteter Ort. Der Geiger Nigel Kennedy weiß diese Musik als eine Romanze zu fühlen, die er verliebt in strahlende Himmel hineinschwelgen lässt.

 

Mit einer weiteren "Nocturne", diesmal von Chopin, werden die Stücke dieses Samplers etwas bewegter. So lässt sich der Pianist Vladimir Ashkenazy hier und da zu dezenten Koketterien hinreißen, natürlich ohne dabei den Boden der Seriösität zu verlassen. Ähnlich subtil ist der Humor von Joseph Haydn. Ein Satz aus seiner achtzigsten Symphonie zeigt ihn als einen, der mit zwinkerndem Ohr kleine rhythmische Spielchen spielt und so eine höfische, aber spritzige Konversation über ein einfaches Thema einfädelt. Ganz beiläufig wirken dabei die virtuosen Läufe in rasantem Tempo, die dem Orpheus Chamber Orchestra mit scheinbar müheloser Präzision aus den Instrumenten purtzeln. Die nur kurze Verarbeitung des Themas ist nicht mehr als ein unbedeutender Einwand innerhalb des Gesprächs. Sofort schiebt der Ausgangsgedanke alle unnötigen Bedenken freundschaftlich zur Seite.

 

Es klingt wie Blasmusik aus Böhmen, ist aber der "Lyric Waltz" von Schostakovich. Ein Klarinettensolo singt sich liedhaft durch Moll und Dur, und findet schon nach zweieinhalb Minuten - es ist das kürzeste Stück der CD - einen pointierten Schluss. Nicht so bei Dvorák. Der braucht dann schon die doppelte Zeit für den zweiten seiner "Slawischen Tänze". Das mag daran liegen, dass er diesen ländlichen Reigen wie aus einer Erinnerung ins Bild rückt. Ein solches sehnsuchtsvolles Rückbesinnen kennt keine reale Zeit. In einem Intermezzo inmitten dieser Erinnerung schildert er eine Volksfest-Stimmung. Da ist das Glöckchen am Pferdchen und die Welt noch in Ordnung, ein Zustand, den der russische Komponist Khatchaturian so nicht kennt. Er greift in seiner "Romance" zu dunkleren Farben. Auch hier sind es liedhafte Themen, die zu einer melodramatischen Naturschilderung verarbeitet werden. Eine Trompetenstimme zieht sich melancholisch durch das Stück, weise und mit russischer Erdenschwere.

 

Es will Abend werden im Park. Der Puls verlangsamt sich. Wieder eine große Melodie - "The Beyondness Of Things" von John Berry. Unaufhaltsam schreitet diese Melodie fort, bis sich die Trompeten in einer Dissonanz verfangen. In Gedanken versunken bringen sie alles zum Stillstand. Trotz zarter und beschwörender Lockrufe, wie sie der Erlkönig dem schlafenden Kind zusäuselt, lassen sich die scheinbar geistesabwesenden Trompeten nicht bewegen. Ohne erkennbaren Grund kann aber plötzlich doch das weiter und zuende geführt werden, was angefangen war.

 

Die "Pavane" von Fauré ist verklärt und schlicht. Die unteren Streicher zupfen andalusische Harmonien und eine Melodie legt sich darüber, die sich willenlos durch die Instrumentengruppen reichen lässt. Nur wenn sie zwischen die Hörner gerät, wacht sie kurz auf. Bald darauf, in den Armen der Flöten, kann sie sich getrost wieder treiben lassen.

 

Stehende Melodie - stehende Zeit. Wie das Licht der Abendsonne nur unmerklich wandert, tastet sich auch die "Gymnopédie" von Erik Satie taktweise voran. Jeder Takt verklingt, als wäre er der letzte. Und doch: Ein neuer weicher Impuls lässt Schwung holen, Kraft für wieder nur einen Takt. Bis letztlich auch der Takt verklingt, der keinen nächsten hat.