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10.12.2001

Ein Nichttänzer tanzt vor

Ein Nichttänzer tanzt vor

Wien ist gehässig: Ein Wiener zu Lebzeiten berühmt und das in seiner Heimatstadt? Gut, dass es Johann Strauß gibt.

"Und ich sage Euch, ich war selber im Sophiensaal, beim Schwender, in den Gartenbausälen und auch durch meine Beine prickelten die Notenteufelchen, die dieser Mann mit vollen Händen ausstreut", wütete das Wiener Gesellschaftsblatt "Der Floh" gegen Johann Strauß und seine Walzer. "Und ich sah Tausende sich wie wahnsinnig aneinander schmiegen und in schamloser Umarmung dahinfliegen und ihre Augen funkelten und ihre Wangen glühten und wo sich der Busen befand, da wogte er." Nicht nur der Walzer, die ganze Welt schien sich schnell und schneller zu drehen für die Wiener um 1860. Innerhalb von drei Jahrzehnten wuchs die Stadtbevölkerung um 250 Prozent und erreichte 1910 zwei Millionen Einwohner. Die alten Grenzen zwischen feiner Innenstadt, bürgerlichen Vorstädten und den industriell-ländlichen Vororten wurden einfach überrollt vom Strom der Zuwanderer aus allen Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie. Alter Adel wurde unwichtig und Neureiche mächtig. Als Kaiser Franz Joseph am 1. Mai 1865 die neue Ringstraße eröffnete, bekam endlich auch Wien seine Prachtstraße fürs Flanieren, Aufmarschieren, Spekulieren. Zwischen dem historisierenden Disneyland von Parlament (griechischer Tempel), Rathaus (im gotischen Stil) und Renaissance-Pallazi (für die Kunst- und die naturhistorischen Sammlungen) entstanden reichlich Gärten und Parks, die den Wechsel zwischen Hofburg und Vorstadt, zwischen Adel und Bürgertum, markierten und zugleich verwischten. Das neue Ringstraßen-Wien war geschaffen und Johann Strauß spielte die Musik dazu - den eng getanzten Walzer, bei dem weder Alter noch soziale Herkunft wichtig waren.

Als Johann Strauß am 25. 10. 1825 im so genannten Hirschenhaus im zweiten Wiener Gemeindebezirk, in der Leopoldstadt, geboren wurde, spielte der Vater Johann bereits in den angesehensten Etablissements der Stadt auf. Seine Musikkapelle umfasste 200 Musiker, die er jeden Abend in einzelne Orchester aufteilte und so an jeder der verschiedenen Stätten des weitläufigen Wiener Ballbetriebes präsent war. In der Familienwohnung lagerte der Vater die zahllosen Instrumente, dort komponierte er und probte vormittags mit seinen Musikern. Und Johann der Kleine hörte dabei die neuesten Kompositionen des Vaters wie die Musik der Zeit: Ouvertüren von Rossini, Bellini, Donizetti, zu Webers "Freischütz", zu Beethoven- und Mozart-Opern. Sie alle gehörten zum "Concert à la Strauß". Der Sohn wuchs mit dieser Musik auf und ahmte nach und klimperte mit fünf oder sechs Jahren im Gartenhaus der Familie seinen "ersten musikalischen Gedanken" auf dem Klavier. Klavier spielen durfte er lernen, mehr aber nicht. Seine Buben sollten keine Musiker werden, befahl der Vater, und schickte sie nach dem feinen Schotten-Gymnasium in der Wiener Innenstadt auf die Technikerschule. Nachmittags klemmte sich Johann Strauß dann trotzdem die Geige unters Kinn, stellte sich vor dem Spiegel in Positur und spielte, wie er's bei Vater Strauß gesehen hatte.

Sein Debüt als Kapellmeister am 15. Oktober 1844 inszenierte der 17-Jährige bis ins Detail. Mit 24 Musikern spielte er ein Programm aus eigenen Kompositionen und den Hits von Joseph Lanner (u. a. "Die Schönbrunner") und seinem Vater ("Loreley-Rhein-Klänge"). Bewusst entschied er sich für das berühmte Dommayer Casino im Außenbezirk Hietzing: Es war das Zentrum des Erfolgs seines Vaters und ganz Wien debattierte schon Wochen vor dem Ereignis, ob der fesche Johann dem Vater würde das Wasser reichen können. Und ob er konnte: Im überfüllten Dommayer war an diesem Abend ans Tanzen nicht zu denken, und am nächsten Tag jubelte das damals einflussreiche Wiener Blatt "Der Wanderer": "Ein neuer Walzerspieler - ein Stück Weltgeschichte! (...) Er wird mit einem Beifallsorkan empfangen, aber Strauß-Sohn scheint fest zu stehen, (...) jetzt schwingt er den Bogen, jetzt setzt er ihn an die Violine, jetzt 1,2,3 Risse, jetzt durchzuckt es uns elektrisch vom Scheitel bis in die kleine Zehe, jetzt arbeitet der da oben Funken Sprühende wie eine galvanische Batterie." Johann Strauß hatte es geschafft: Mit nur einem Abend erspielte er sich die neue Spitzenposition im schwierigen Geschäft des Musik-Entertainments. Er war - wie der Vater auch - Veranstalter mit allen finanziellen Risiken, Orchestervorstand, Geiger, Dirigent und Komponist. Aber anders als der Vater lernte er schnell, dass man mit seinen Kräften haushalten muss. So wurde Johann Strauß Sohn zu dem klugen Organisator, der sich von seinen Frauen managen ließ. Der delegierte und mit eiserner Hand die Brüder Joseph und Eduard in das Familienunternehmen einband.

Und das Strauß-Geschäft boomte. Auslandsreisen machten ihn international bekannt und hoben sein Renommee in der Heimatstadt. Jede neue Komposition wurde als "Single"-Auskopplung einzeln gedruckt und mit einem werbewirksamen Titel versehen. Verkaufsschlager mussten schnell produziert werden - und verdrängten alle anderen Aufträge. Frédéric Chopin reiste enttäuscht aus Wien ab: "Haslinger hat die Veröffentlichung aller Manuskripte zurückgestellt", klagte er über den wichtigsten Wiener Verleger, "und druckt nur noch Strauß." Der Walzerkönig pflegte sein Image: der feurige Auftritt eines zeitlos jugendlichen Musikers. Er kleidete sich nach der neusten Mode, achtete darauf, dass die Anzüge die schlanke Taille betonten. Lockenkopf und Bart, immer nach dem letzten Chic frisiert, färbte er kohlrabenschwarz. "Sein Publikum wollte, sollte umgarnt und verführt werden", schreibt der Wiener Musikjournalist Franz Endler. "Ein kleiner, unablässig in Bewegung begriffener, nach allen Seiten hin übertrieben gestikulierender und sich wiegender Mann, der mit dem Geigenbogen in das Orchester sticht und mit der Geige unterm Kinn die schmeichelndsten, wohl auch sinnlich wirkenden Tänze auf dem Podium aufführt - ein Nichttänzer als Vortänzer." Als der ewig jugendliche Johann Strauß am 3. Juni 1899 starb, wurden Walzerkonzerte mitten im Takt unterbrochen. Aber schon kurze Zeit später konzertierte der Bruder Eduard wieder mit der Strauß-Kapelle. Das ist der Charakter des Walzers: drehen im Dreivierteltakt, schnell bis zur Atemlosigkeit und immer im Kreis. So lange, bis sich im Schwindel der Saal dreht.

Ansehen und Erleben:

Das "Stammhaus" der Familie Strauß ist das sog. Hirschenhaus in der Leopoldstadt (2,Taborstr. 17). Als Johann 1862 zum ersten Mal heiratete, verließ er die Elternwohnung. Mit seiner ersten Frau Jetty Treffz bewohnte er ein einstöckiges Gebäude in Hietzing (13, Maxingstr. 18). Hier entstanden (in großen Teilen) die Operetten "Die Fledermaus" und "Cagliostro in Wien". Uraufgeführt wurden die meisten seiner Operetten im Theater an der Wien (6, Linke Wienzeile 6). Die "Fledermaus" ging dort am 5. April 1874 zum ersten Mal über die Bühne.

Zuletzt wohnte Johann Strauß mit seiner dritten Frau Adele in der damaligen Vorstadt, in der Wiedener Iglgasse, (4, Johann-Strauß-Gasse 4) in einem um 1870 neu errichteten Haus im Stil eines Renaissancespalais. Dort war auch Johannes Brahms häufig zu Gast. Wo 1867 der Walzer "An der schönen blauen Donau" entstand, richtete man eine Johann-Strauß-Gedenkstätte (2, Praterstr. 54) ein.

Johann Strauß konzertierte viel und gern im Freien. Edmund Hellmers gold-kitschiges Strauß-Denkmal steht im Stadtpark an der Ringstraße. Bei der Enthüllung 1921 spielten die Wiener Philharmoniker den Donauwalzer.

In Wien tanzte man auch in Schwimmbädern - das Dianabad (2, Obere Donaustr. 93) und das Sofienbad (3, Marxergasse 17) wurden durch ihre Umwandlung in "Konzertsäle" mit zu den bekanntesten Konzertstätten der Stadt. Während des Faschings deckte man das Bassin mit Brettern ab und erhielt durch den Hohlraum eine besonders gute Akustik. So funktionierte es auch bei den bis heute berühmten Sofiensälen, wo wegen dieser besonderen Akustik unzählige Plattenaufnahmen (unter anderem für Deutsche Grammophon) stattfanden, bis das Gebäude im vergangenen August bei Dacharbeiten in Brand geriet und vollständig zerstört wurde.