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30.11.2001

Musica aeterna

Musica aeterna

Kein Komponist schreibt eine Messe oder gar ein Requiem einfach so dahin. Das tut er deshalb nicht, weil ihm die Sache wichtig ist und er weiß, dass er für solch ein Werk weit über sich und seine Fähigkeiten hinauswachsen muß. Und da gerade das Requiem das intimste religiöse Verständnis des Verfassers offenbart, werden diese Vertonungen unweigerlich zu großartigen Glaubensbekenntnissen und zu ergreifenden musikalischen Monumenten. Mit "Brücken - Musik von Glauben und Hoffnung" erscheint daher bei Decca zum erstenmal eine Auswahl eindrucksvoller Werke zu diesem Thema, die besinnlich und nachdenklich stimmen.

Gleich zu Beginn verführt das klangmalerische "Agnus Dei" von Gabriel Fauré dazu, den Alltagskram zu vergessen und sich auf eine schauerlich-mystische Gänsehautatmosphäre einzulassen. Wie eine Erscheinung taucht Faurés Requiem auf diesem Sampler immer wieder auf und bildet schließlich auch den Rahmen des Ganzen. Das "Pie Jesu", gesungen von Kiri Te Kanawa, ist eine musikalische Perle, so ganz einfach und wunderschön. Einfühlsam begleitet wird diese schwebende Melodie vom Orchestre symphonique de Montreal unter Charles Dutoit, so dass diese Perle zu einer Träne wird, die schmerzt und beglückt.

Auch das unbekanntere "Pie Jesu" von Duruflé entfaltet eine feierliche Anmut, die getragen wird von der großartigen Stimme von Felicity Palmer. Das London Symphony Orchestra hält sich ehrfurchtsvoll zurück und bescheidet sich damit, roter Teppich zu sein und einer heiligen Sache zu dienen. Diese heilige Sache gerät mit dem Marsch der "Music For The Funeral Of Queen Mary" von Purcell in Bewegung. Sie wird zur Prozession, zu einer blockhaften Erscheinung auf dem unabwendbaren Weg zum Grabe voll Trauer und Würde.

Mozarts Requiem ist seit seiner Entstehung Anlass zu Legenden um den Tod des Komponisten. Nicht nur, dass der Auftraggeber zu diesem Werk, ein gewisser Graf Walsegg, unbekannt bleiben wollte, auch verstarb Mozart bei der Arbeit an diesem Werk, so dass es unvollendet blieb. Ausgerechnet die Urheberschaft des ergreifenden "Lacrimosa" ist deshalb bis heute umstritten. Womöglich hat Süßmayer, ein Freund und Schüler Mozarts, anhand von Skizzen diese Komposition abgeschlossen. Die Wiener Philharmoniker und der Wiener Staatsopernchor huldigen unter Solti diesem letzten Gedanken, diesem tröstenden Testament des großen humanitären Freimaurers ihrer Stadt.

Wenn Berlioz in seiner "Symphonie fantastique" das Thema des "Dies irae" (Tag des Zorns) noch parodiert, ist es ihm wenige Jahre später bei dem Staatsauftrag der Requiemvertonung ernst damit. Diesen Teil der Totenmesse bauen auch Mozart, Verdi, und Britten äußerst dramatisch aus, um an dieser Stelle die Dringlichkeit ihres Anliegens zum Ausdruck zu bringen und um letztlich den Erlösungsgedanken als um so befreiender erleben zu lassen.


So geht es in allen vier Fällen ordentlich zur Sache: Trompeten und Pauken sind obligatorisch, Chor und Orchester geben alles. Ein furioses Feuerwerk wird abgebrannt und es besteht kein Zweifel: hier geht es um Leben und Tod, hier ist eine Macht am Werk, mit der man nicht spaßt.
Einmal entfacht ist so ein musikalischer Flächenbrand nur schwer unter Kontrolle zu bringen. Da muß schon ein Pavarotti her, um mit einem klagenden "Ingemisco" Versöhnung herzustellen. Und tatsächlich kehrt Ruhe ein, so dass er gemeinsam mit Joan Sutherland (Sopran), Marilyn Horne (Mezzosopran) und Martti Tavela (Bass) ein herzzerreißendes "Lacrimosa" anstimmt, dessen Friedfertigkeit sich zur Bitte nach ewiger Ruhe ("Requiem aeternam") aufschwingt.

Für moderne Komponisten ist es alles andere als selbstverständlich, sich religiösen Themen glaubwürdig zuzuwenden. Neben Pärt oder Messiaen gelingt dies auch Andrew Lloyd Webber, aus dessen Requiem ein sehr meditatives "Pie Jesu" zu hören ist. Barbara Bonney, die amerikanische Ausnahmesopranistin, singt mit ihrer sehr persönlichen und mädchenhaft-natürlichen Stimme dieses wunderschöne Duett gemeinsam mit dem Knabensopran Anthony Way. Und wenn danach Faurés "In Paradisum" erklingt ist das alles so wunderbar, dass man sich das Paradies tatsächlich nur noch in solchen Klängen vorstellen mag.