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26.10.2001

"Von allen Seiten stürzen Wasser"

Von allen Seiten stürzen Wasser

Selten so nass gewesen. Felix Mendelssohn hatte wenig gute Tage in Schottland und kam doch erstaunlich zufrieden nach Hause.

Als Felix Mendelssohn sich auf dem Dampfer der Hamburg-London-Linie seekrank und halb ohnmächtig über die Reeling beugte, war er reiseerfahrener als die meisten Musiker vor ihm. Mit der Familie hatte er die Schweiz gesehen, in Paris die Oper besucht. Er war gerade 20, hatte mit seinen Jugendkompositionen bereits Musiker wie den knurrigen Luigi Cherubini beeindruckt und Goethe vorgespielt. Jetzt wollte er allein Erfahrungen sammeln. Statt mit Interrail und Rucksack bereiste Mendelssohn die britische Insel mit Empfehlungsschreiben und Vaters Brieftasche. Nach 8 Wochen in London, nach erfolgreichen Konzerten als Pianist und großem Lob für seine eigenen Werke verließ er am 22. Juli 1829 die Hauptstadt und reiste mit seinem deutschen Freund Carl Klingemann nach Edinburgh. Schnell merkten sie, dass Schottland anders und vor allem feucht war: "Übrigens ist der Saal groß und leer, an einer Wand tröpfelts nass herunter ... statt der englischen Pantoffeln Schottische Holzschuh, Tee mit Honig und Kartoffelkuchen".

Aber er war fasziniert: "Es sieht alles so ernsthaft und kräftig hier aus, und liegt alles halb im Duft oder Rauch oder Nebel; dazu ist gar morgen ein Wettstreit der Hochländer auf der Bagpipe", schrieb er am 28. Juli aus Edinburgh nach Hause. Natürlich besuchte er Holyrood Palace, einen der englisch gewordenen Königspaläste. Doch Mendelssohn dachte mehr an Maria Stuart, Englands schottische Gegenspielerin im 16. Jahrhundert: "Der Kapelle daneben fehlt nun das Dach, Gras und Efeu wachsen viel darin, und am zerbrochenen Altar wurde Maria zur Königin von Schottland gekrönt. Es ist alles zerbrochen, morsch und der heitere Himmel scheint hinein. Ich glaube, ich habe heut da den Anfang meiner Schottischen Symphonie gefunden." Beenden konnte er seine Symphonie allerdings erst 13 Jahre später, im Januar 1842, und Maria Stuarts Kampf gegen ihre englische Widersacherin war längst vergessen: Bei der Londoner Erstaufführung widmete er seine "Schottische" Queen Victoria, die für Schottland und Mendelssohn gleichermaßen schwärmte.

Von Edinburgh fuhren Mendelssohn und Klingemann mit dem Dampfer flussaufwärts bis Stirling, zur alten Stuart-Festung (zuletzt in Mel Gibsons "Braveheart" auf der Leinwand zu sehen). Von der Burg auf der markanten Felsnase hätte Mendelssohn bereits die blauen Berge der Highlands gesehen, wenn sich zwischen den tiefen Regenwolken auch einmal der Blick geöffnet hätte. Trotzdem: Der elegante, zart gebaute Mendelssohn, in London gerade erst als Gentleman im neuesten Outfit porträtiert und von der feinen Gesellschaft hofiert, stürzte sich in das schottische Hochlandwetter wie ein junger Hund in den Schlamm. Klingemann und er hatten zwar einen offenen Einspänner gekauft, aber der transportierte nur das Gepäck. Sie selbst marschierten ab Stirling zu Fuß und legten beachtliche Tagestouren von 80 km zurück.

Das war keine komfortable Bildungsreise. Sie wollten Schottland erleben, wie in den Romanen des Sir Walter Scott, die Lea Mendelssohn ihrem Sohn vorgelesen hatte. Die beiden deutschen Touristen besuchten ihn auf seiner Residenz Abbotsford, wo der Anwalt und Amateurhistoriker den Untergang des alten Schottland als romantischen Geschichtsroman erzählte während der historische noch gar nicht lange zurücklag: Erst 1745 hatten die Engländer eine letzte Rebellion niedergeschlagen und bei Todesstrafe alles Schottische verbannt. Aber vielleicht probierte Felix Mendelssohn trotzdem einen der wollenen Männerröcke. Denn beim Königsbesuch 1822 hatte es der Romancier Scott geschafft, Kilts wie Dudelsack in einer grandiosen Parade zur Schau zu stellen. Als selbst der König sich in einen Kilt zwängte, wurde es für englische Industrielle, Barone wie Banker der Londoner City schick, ein schottisches Refugium in den Highlands zu besitzen und im passenden Tartan aufzutreten, den noch ihre Eltern als Tracht "nacktarschiger Banditen" beschimpft hatten. Mendelssohns Trip in die Highlands passte da bestens ins Bild. Selbst mit seiner Sehnsucht nach der unverfälschten Natur, die ihm in diesen Wochen einiges abverlangte, lag er voll im Trend: Die Jugend in ganz Europa sprach den Namen des angeblichen Minnesängers Ossian nur mit Andacht aus. Dessen "Fragments of Ancient Poesie" waren die Hitler-Tagebücher des 18. Jahrhunderts spannend erfundene, sich keltisch gebende Fabeln, "übersetzt" von einem Schwindler namens James McPherson.

Ossian war es auch, der Mendelssohn veranlasste, bis zu den Hebriden-Inseln zu reisen. "Wir wurden in Booten ausgesetzt und kletterten am zischenden Meere auf den Pfeilerstümpfen zur sattsam berühmten Fingalshöhle", schrieb Klingemann über die erst 1772 entdeckte Höhle auf Staffa, die man nach dem Ossian-Helden FingalÕs Cave nannte. "Ein grüneres Wellengetose schlug allerdings nie in eine seltsamere Höhle mit seinen vielen Pfeilern dem Innern einer ungeheueren Orgel zu vergleichen, schwarz, schallend und ganz zwecklos für sich allein daliegend." Mendelssohn, der auch bei dieser Überfahrt grün an der Reeling hing, begnügte sich mit weniger: "Um zu verdeutlichen, wie seltsam mir auf den Hebriden zu Mute geworden ist", kommentierte er zwei Notenzeilen, aus denen sich über die nächsten Jahre die berühmte Hebriden-Ouvertüre entwickelte. Als Breitkopf & Härtel die Ouvertüre 1835 veröffentlichte, war Ossian noch immer aktuell: Der Verlag benannte die Komposition werbewirksam "Fingals Höhle".

Erbrechen auf dem Dampfer, Frieren beim Wandern Mendelssohn fiel es schwer, die Hochland-Reise mit seiner sonst üblichen Eleganz zu meistern. "Der Sommer ist fort, und ohne einen Sommertag gesendet zu haben", meckerte er am 25. August nach Berlin. "Gestern war ein guter Tag, d. h. ich wurde nur dreimal nass." Doch als er Ende August 1829 wieder Richtung England fuhr, konnte sich die Ausbeute sehen lassen: viele hundert Kilometer Fußmarsch, etliche Seekrankheiten, zahllose nasse Socken und Notizen für zwei neue Werke, die zu seinen berühmtesten wurden. Felix Mendelssohn war eben doch ein echter Bankierssohn. Selbst bei seinem Abenteuerurlaub verstand er sich auf eine optimale Kosten-Nutzen-Rechnung.

Come and see:

Heute sprechen gerade mal 70.000 Schotten noch offiziell Gälisch. Sie sind vor allem auf den Hebriden und den anderen abgelegenen Inseln zu Hause. Aber das Gälische prägte die alten Sagen und natürlich viele Landschaftsnamen. So heißen die Seen noch immer "Lochs" wie im Idiom der keltischen Ahnen. Genau so wie Berg eben "Ben" genannt wird und "Glen" für Tal steht.

Wer's den Dandys Mendelssohn und Klingemann nachmachen will auch 172 Jahre später ist ihre Wanderreise eine hübsche Tour (gute Regenausrüstung nicht vergessen):

Zum Beispiel von Inverness mit dem Schiff durch den berühmten Loch Ness. Weiter durch den (damals neu eröffneten) Caledonian Canal, wo eine achtstufige Schleusentreppe, Neptun's Staircase, zum 19,5m tiefer gelegenen Loch Lochy führt. Vorbei an Fort William und Loch Linnhe querend nach Oban.

Von dort mit dem Boot zur Insel Mull und Staffa. Der unbewohnte Basaltfelsen gehört noch immer zu den imposantesten Naturschönheiten Schottlands. Schwarz und kerzengerade ragen die Basaltsäulen auf. Auch wenn heute niemand mehr wild in den Höhleneingang kraxeln kann jetzt wandert man auf gesicherten Klettersteigen , aber "Fingal's Cave" ist in jeder Hinsicht riesig (80m lang und über 20m hoch).

Auf der Insel Mull, der größten der Hebriden-Inseln, findet jedes Jahr in der ersten Juli-Woche ein kleines Mendelssohn-Festival statt. Die atemberaubende Landschaft und historische Zeugnisse aus 8000 (!) Jahren beeindrucken auch außerhalb dieser Zeit.

Eine zweite Tour führt von Glasgow ins schottische Hochland. Mendelssohn wanderte zum Loch Lomond und auf den Ben Lomond, zu The Trossachs, nach Aberfoil und Stirling.