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20.09.2001

Die Abräumer

Die Abräumer

Geburtstage feiert man mit Geschenken. Das Emerson String Quartet dreht zu seinem 25. den Spieß um und beschenkt die Musikliebhaber mit einer grandiosen Haydn-Einspielung.

Um sich mit Kammermusik Ruhm zu erspielen, muss einiges an Können und Kunst, Marketing und Musikverstand zusammenkommen. Das Emerson String Quartet hat es geschafft. Die Emersons erhielten Grammys für ihren Bartók-Zyklus, für ihre Gesamteinspielung der Beethoven-Streichquartette sowie für ihr Album "American Originals" mit Kammermusik von Barber und Ives. Und zuletzt räumten sie mit ihrer Aufnahme der 15 Streichquartette von Dimitri Schostakowitsch ab: zwei Grammys und den Chamber Music Award des Fachblattes "Gramophone". Wenn die vier Herren aus New York City - die in ihren Interviews mit trockener Ironie bestechen - in diesem Jahr ihre Silberhochzeit feiern, wird es dabei auch einiges zu lachen geben.

 

Im 18. Jahrhundert verstand man zwar unter "Witz" noch etwas ganz anderes als wir mit unserem Comedy-Gelächter - "Witz" war jene Fähigkeit des Menschen, die wir heute mit dem faden Fremdwort "Kreativität" bezeichnen: aus Altem durch Einfallsreichtum Neues zu schaffen. Aber Joseph Haydn war in diesem Sinne auf jeden Fall einer der witzigsten, treffender: einer der "gewitztesten" Komponisten in der europäischen Musiktradition. Seine Sinfonien sprühen nur so vor Esprit und Brillanz. Und erst recht bewies er seine Meisterschaft in der Kammermusik als Komponist von Streichquartetten. Die Eleganz in der Themenbildung, aber vor allem die Intensität und Intelligenz der Verarbeitung hoben schon Haydns frühe Quartette so sehr über den Durchschnitt der Zeit hinaus, dass er heute allgemein als Erfinder dieser Form gilt.

 

Dass das Emerson-Quartett jetzt dem Ahnherren ihrer Zunft die Reverenz erweist, hat also nicht nur mit Respekt vor einem angeblich zopfigen "Papa Haydn" zu tun. Keine Pflichtübung, sondern bester Beleg dafür, dass die vier Amerikaner ihre Silberhochzeit hellwach und wie gewohnt auf höchstem interpretatorischem Niveau begehen wollen. Also haben sie zwar auch frühe Geniestreiche Haydns wie das fünfte der "Sonnenquartette" op. 20 aufs Programm gesetzt. Aber die zweite CD vereint ausschließlich Spätwerke Haydns: das "Reiterquartett" (op. 74 Nr. 3), das "Quintenquartett" (op. 76 Nr. 2) und schließlich das Quartett op. 77 Nr. 1 in G-Dur. In diesen späten Quartetten aus den 1780er Jahren verwandelt Haydn das Quartett fast in ein kleines Orchester, schreibt den Streichern die größtmögliche Klangfülle auf die Saiten - Musik, deren Synthese aus Witz und Intelligenz so nie wieder erreicht wurde und mit der das Emerson String Quartet sich und uns das schönste Geburtstagsgeschenk gemacht hat.