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01.08.2001

Warum singen Sie Männertexte, Frau Banse?: Ein Interview mit Juliane Banse

Juliane Banse, Warum singen Sie Männertexte, Frau Banse?: Ein Interview mit Juliane Banse

Juliane Banse war 1989 noch mitten im Studium, als Harry Kupfer die Fassbaender-Schülerin als "Pamina" nach Berlin holte. Mit KlassikAkzente unterhielt sie sich über Liederabende und Männerdomänen.

KlassikAkzente: Sie begannen Ihren künstlerischen Weg mit Violine und Ballett. Warum dann letztendlich Gesang?

 

Juliane Banse: Während der Schulzeit war ich völlig auf das Ballett fixiert. Die Geige war eigentlich nur Hobby, ich wollte sie nie zum Beruf machen, das Ballett schon. Irgendwann begann ich zu singen, und mein Interesse hat sich verschoben. Ziemlich unbemerkt zuerst, doch das Singen wurde immer wichtiger. Irgendwann musste ich eine Entscheidung treffen, um mich 150-prozentig um eine Sache kümmern zu können. Da war schon klar, dass ich singen wollte. Nach der Schule habe ich direkt bei Brigitte Fassbaender zu studieren begonnen und eigentlich bin ich da immer noch. Ich suche sie auf, um mich kontrollieren zu lassen, meine Ausbildung ist also nicht vorbei. Aber die offizielle Zeit an der Hochschule, zwei Jahre, war recht begrenzt. Ausbildung und Praxis gingen schnell ineinander über.

 

KlassikAkzente: Gab es irgendwann einen besonderen Schub in Ihrer frühen Karriere?

 

Juliane Banse: Ich hatte schon während des Studiums sehr viel zu tun. Noch vor dem Abschluss war ich bei Harry Kupfer in Berlin, und von da ab drehte sich das Karussell von alleine. Da war der Kalender eigentlich schon voll, insofern musste ich mir gar keine Sorgen machen.

 

KlassikAkzente: Sie begannen an der Oper ...

 

Juliane Banse: Oper und Konzert liefen eigentlich immer parallel. Was zuerst an die Öffentlichkeit drang, war die Oper. Aber ich habe parallel dazu immer auch Konzerte und Liederabende gesungen. Das kam durch die Arbeit mit Fassbaender, die uns dazu angehalten hat, den Liedgesang gleich wichtig zu nehmen wie die Oper.

 

KlassikAkzente: Wie befruchten sich Oper und Lied?

 

Juliane Banse: Das ist sehr ausgeglichen. In der Oper ist man natürlich stärker gebunden durch die Inszenierung, den Dirigenten, die Kollegen. Man muss sich stark einfügen. Das schauspielerische Element, das wirklich Expressive aber ist ungemein hilfreich, wenn man dann am Flügel steht, und all das selbst gestalten muss - ohne Hilfsmittel, ohne Kulisse und Story. Umgekehrt ist es für die Oper hervorragend, wenn man sich die Stimmdisziplin beim Lied erhält und immer wieder auf die kleine Form zurückgeht - diesen Mikrokosmos, wenn man in jedem Lied eine kleine Oper, eine in sich geschlossene Welt kreieren muss. Aber Oper und Lied abzuwechseln, ist auch für die Stimme gut, für die Stimmgesundheit.

 

KlassikAkzente: Wenn man von der Oper zum Lied wechselt, ist es ein Schock, plötzlich wieder alleine vor dem Publikum zu stehen?

 

Juliane Banse: Am Anfang vielleicht schon, mittlerweile nicht mehr. Manche Kollegen sagen, sie genießen das totale Freiheitsgefühl. Für mich ist das schon ein größerer Druck - auf der Bühne stehen und für alles allein verantwortlich zu sein. Jeder kleinste Konzentrationsfehler wirkt sich ja auf das Publikum aus. Andererseits hat man natürlich viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Es hat beides - Oper und Lied - seine Tücken und seine Gefahren. Die Kombination macht's.

 

KlassikAkzente: Stört es Sie, wenn es in Besprechungen heißt, "Ihre Bühnenpräsenz zeigte sich auch in Ihrer schönen Figur"? Bei Männern würde das ja nicht auftauchen.

 

Juliane Banse: Ja, das ist schon richtig: Wenn man sich als Frau hinstellt, scheint das Auge sehr viel mehr mitzuhören als bei Männern. Es kommt ja auch immer wieder vor, dass die erste Bemerkung nach einem Konzert lautet: "Mein Gott, was für ein schönes Kleid." Aber inzwischen ärgere ich mich nicht mehr darüber. Früher schon, da dachte ich, gesungen hab ich ja auch noch. Inzwischen amüsiert mich das nur noch, und es ist ja auch meistens nett gemeint. Vor zehn, 20 Jahren waren Liederabende ja eine reine Männerdomäne, mittlerweile ist das ganz ausgeglichen.

 

KlassikAkzente: Männliche Komponisten vertonen Texte von männlichen Dichtern. Haben Sie einen anderen Zugang zu den Stücken als Ihre männlichen Kollegen?

 

Juliane Banse: Viele der Texte sind ja nicht unbedingt männlich. Je besser der Dichter, desto allgemeingültiger sind seine Texte. Oft entsteht dann die Diskussion, warum man so viele Männerstücke singt. Ich singe diese Texte sicher anders als ein Mann, aber ich hab mir nie darüber Gedanken gemacht, ob das eine speziell weibliche Art ist. Aber ich geh da sicher anders ran als ein Mann.

 

KlassikAkzente: Oftmals finden sich in Liedern Texte, die heutige Leser nicht mehr ansprechen. Wie erklären Sie sich, dass die Musik offensichtlich auch mittelmäßige Texte attraktiver macht?

 

Juliane Banse: Das sieht man sehr gut an Mahler. Dort heißt es immer wieder, es würden nur niedere Gefühle angesprochen, das sei unintellektuelle Musik. Aber gerade das ist es, was uns erreicht. Genau das ist das Geniale an Mahler. Er findet immer diese Punkte, die einem durch Mark und Bein gehen. Sei es seine Vokalmusik oder seine Symphonien - das ist ja richtige Unterleibsmusik, der Kopf ist völlig ausgeschaltet. Genau so bei den Rückert-Gedichten oder den Wunderhorn-Texten, wo man sich beim Lesen vielleicht distanzieren würde. Beim Hören passiert das nicht, weil man ganz hineingezogen wird in diese Welt.

 

KlassikAkzente: Gibt es aus Ihrer Sicht so etwas wie eine Schule junger Sängerinnen und Sänger, ein verbindendes Element?

 

Juliane Banse: Ich denke, wir sind vielseitiger. Sowohl im Repertoire als auch bei den unterschiedlichsten Genres, von der Oper bis zum Chanson. Ich glaube, die Grenzen sind sehr viel verschwommener als früher. Man muss heute auch mutiger sein und mehr ausprobieren. Man muss flexibler und vielseitiger sein, auch weil die moderne Musik viele unterschiedliche Strömungen beinhaltet. Vielleicht sind die jungen Sänger sehr viel selbstbewusster und suchen eher ihren eigenen Weg, statt sich anzulehnen an das, was gewesen ist.

 

KlassikAkzente: Gab es in Ihrer bisherigen Karriere einen Höhepunkt?

 

Juliane Banse: Die Zusammenarbeit mit Kupfer war sicher sehr prägend, gerade weil sie am Anfang stand. Da habe ich irrsinnig viel gelernt. Sie hat meine Ansprüche an Opernregie geprägt ... Ansonsten habe ich von den Begegnungen mit Simon Rattle und Pierre Boulez wahnsinnig profitiert.

 

KlassikAkzente: Sie treten auch mit Ihrem Mann auf, dem Geiger Christoph Poppen. Wäre es Ihnen lieber, er spielte Klavier?

 

Juliane Banse: Nein, aber es gibt tatsächlich nicht viele Stücke für Geige und Sopran. Die Zusammenarbeit aber funktioniert sehr gut. Wir haben uns dabei noch nie gestritten.

 

KlassikAkzente: Was sind Ihre weiteren Ziele, haben Sie eine Traumrolle?

 

Juliane Banse: Da fällt mir einiges ein im Opernrepertoire ... ich möchte mich natürlich fachmäßig weiterentwickeln, neue Dinge und Rollen ausprobieren. Aber das konkret zu sagen, ist schwer, es ist ja auch eine Frage des Angebots. Aber natürlich gibt es einzelne Stücke oder Dirigenten, mit denen ich gerne zusammenarbeiten würde. Mein Traumstück habe ich allerdings schon gesungen: Das war immer der Rosenkavalier, und der kam dann schon ganz schnell. Jetzt bekomme ich aber erst mal unser Kind, dann wird sich alles Weitere sowieso weisen.