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30.05.2001
Claudio Abbado

Glückszahl Neun

Claudio Abbado, Glückszahl Neun

Zuletzt lebte Anton Bruckner im Schloss Belvedere und sorgte sich wie verarmter Adel um das Haushaltsgeld. Dabei hatte der Klosterzögling aus St. Florian endlich Erfolg mit seiner Musik.

Selbst an seinem Todestag, dem 11. Oktober 1896, soll Anton Bruckner noch an ihr gearbeitet haben: seiner neunten Symphonie. Anders als beim zweiten Großsinfoniker unter den Spätromantikern, Gustav Mahler, ist von Bruckner keine Angst vor jener Neunzahl überliefert, bei der auch Beethoven sein sinfonisches Schaffen einstellte (und die Mahler ja auch nicht übertreffen sollte). Dass Bruckner "nur" neun Sinfonien beschieden waren, lag vielmehr an seinen kreativen Skrupeln, die ihn auch in den letzten Lebensjahren, als ihm Ruhm und Ehrungen zuteil wurden, nicht verlassen sollten. Doch trotz aller Selbstzweifel hat Bruckner mit diesem Stück die Musikgeschichte noch einmal ein entscheidendes Stück vorangetrieben. Die Neunte mit ihrem dumpf marschierenden Scherzo, den grellen Dissonanzen des abschließenden, langsamen Satzes weist weit voraus ins 20. Jahrhundert.

 

Diese Musik versetzt uns nicht ins Paradies, obwohl ihr Komponist sie niemand Geringerem als "dem lieben Gott" zugeeignet hat. Die Wiener Philharmoniker und Claudio Abbado haben viel Erfahrung nicht nur miteinander, sondern auch mit Bruckner gesammelt. Die Sinfonien Nr. 1, 4 und 5 sind bei Deutsche Grammophon erhältlich und haben die einhellige Begeisterung der Kritik geerntet: Abbado habe mit den Wienern unser Bild von Bruckner ergänzt und bereichert, so die Meinung der internationalen Fachpresse. Abbado geht es um die Modernität und Eigenständigkeit des Linzer Komponisten, dessen Klangvisionen dann an Eindringlichkeit gewinnen, wenn man jenen Weihrauch wegpustet, der gerade in Deutschland und Österreich den frommen Tonsetzer auch heute noch umgibt. Abbado setzt an seine Stelle einen hellen, detailreichen, sinnlich-klaren Bruckner-Tonfall. Doch braucht es schon ein Orchester vom Format der Wiener, um ein solches radikal heutiges Bruckner-Bild Musik werden zu lassen.

 

Derart schlank, transparent und dennoch mit genug Schwung für die großen Bögen dieser Musik kann nur ein Weltklasse-Orchester diese Partituren darbieten. Zwar hat Bruckner die Gestalt seiner sinfonischen Titanen überaus langsam und penibel festgelegt. Doch in ihrer Interpretation bedürfen sie solch visionärer Energie, wie sie gerade Claudio Abbado zu eigen ist.