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08.06.2001
Richard Wagner

Es geht (noch) nicht

Richard Wagner, Es geht (noch) nicht

Daniel Barenboim hat seinen Wagner-Auftritt in Israel abgesagt. Als am 31. Mai der Ernst-von-Siemens-Musikpreis an den deutschen Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann verliehen wurde, konnte die Frage an einen der bedeutendsten Wagner-Forscher nicht ausbleiben: Ist Wagners Musik antisemitisch? In einem Interview zeigte sich Brinkmann skeptisch: "Wir haben kein analytisches Besteck, um herauszufinden, ob Musik in irgendeiner Weise ideologisch ist oder nicht."

In der kaum zum Stillstand gekommenden Debatte um das Richard Wagner-Bild nach 1945 war Beckmanns Einlassung einmal mehr der Versuch, zwischen dem Ideologen Wagner und dem Künstler Wagner einen Trennstrich zu ziehen: zwischen der antisemitischen Dreckschleuder und dem Revolutionär des Musiktheaters. Beckmanns sprang so mit seiner musikologisch abgesicherten Einlassung dem Dirigenten Daniel Barenboim zur Seite, der einen Tag zuvor aber bereits seinen Kampf um ein explosives Wagner-Projekt aufgegeben hatte. Am 30. Mai sagte er die die geplante Aufführung des 1. Aktes der "Walküre" in Jerusalem ab - "weil ich das Publikum nicht enttäuschen wollte." Vorausgegangen war ein heftiger, auch vom israelischen Parlament geführter Disput um den jahrzehntelang anhaltenden Wagner-Boykott im Konzertleben Israels, der mit Barenboims "Walküre" torpediert worden wäre. Selbst das Simon Wiesenthal Center sowie ein israelischer Holocaust-Überlebender hatte beim Obersten Gericht Israels eine Antrag auf einstweilige Verfügung gestellt, um die konzertante Aufführung zu verhindern. In einem Land, in dem noch Hunderttausende leben, die dem Nazi-Vernichtungsterror entfliehen konnten und für die Wagner und Hitler zusammengehören.

 

Ob nun, wie Barenboim mehrfach betonte, Wagners Schriften, aber nicht seine Musik antisemitisch sind; oder, wie Beckmann herausgearbeitet hat, viele der oberen Nazi-Schergen Wagner geradezu haßten - jedes noch so stichhaltige musikwissenschaftliche oder historische Argument muß da vor der schrecklichen Erinnerung und dem Gefühl kapitulieren. Und besonders dann, wenn das Objekt der Auseinandersetzung selber mit seinen Klangkniffen den Zuhörer überwältigt. Wagners Netz an Leitmotiven ist da kein rein ästhetisches Wetterleuchten mehr, sondern bringt damit Erlösungssehnsüchte bis in den roten Bereich. In der Verbindung aus kompositionstechnischen Details und der soziologischen Fortschreibung machte da Adorno zu Recht auf den bewußtseinsauflösenden Charakter der Wagner'schen Musik aufmerksam. Aber selbst mit solch gedanklicher Feinstarbeit ist der jüngeren Vergangenheit endgültig nicht beizukommen. Wie sonst ist es zu erklären, wie unterschiedlich gleich drei weltberühmte Solisten auf das Deutschland der letzten 55 Jahre reagierten? Während Yehudi Menuhin kurz nach Kriegsende sofort die Hand ausstreckte und in Deutschland gastierte, weigerten sich Artur Rubinstein und Isaac Stern, jemals wieder dort aufzutreten, wo "möglicherweise ein Gestapo-Mann im Publikum sitzt, der für die Vernichtung meiner Familie verantwortlich war" (Rubinstein). Was hingegen ihre Bewunderung für die deutsche Kultur niemals schmälern konnte: Rubinstein pflegte intensive Kontakte zu deutschen Geistesgrößen und Stern leitete vor zwei Jahren in Köln einen vielbeachteten Kammermusik-Kurs.

 

Das sind die zwei Seiten der vom Nationalsozialismus geprägten Medaille, die bis heute mindestens zwei Lesarten zuläßt. Auch wenn Wagners Musik mittlerweile im israelischen Radio und in den Schallplatten-Läden präsent ist; und der Dirigent und Holocaust-überlebende Mendi Rodan trotz allen Protestes in Israel im letzten Jahr Wagner-Stücke aufgeführt hat ("Die junge Generation muß etwas über Wagner erfahren") - solange in der Zukunft die Kinder und Kindeskinder der Holocaust-überlebenden sich gegen Wagner aussprechen werden, sollte ihre Stimme der Erinnerung respektiert werden. Das entsprechende Zeichen hat Daniel Barenboim schweren Herzens dafür jetzt gegeben.