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13.06.2001
Hans Werner Henze

Biedermann und der Anstifter: Hans Werner Henze

Hans Werner Henze, Biedermann und der Anstifter: Hans Werner Henze

Hans Werner Henze haute mit 16 kräftig auf die Pauke. Später ließ er andere für die Revolution trommeln: Eines seiner Werke ist Che Guevara gewidmet.

Er ist immer ein deutscher Komponist gewesen, bis in seine Fluchten hinein. Er hat seine Ideale nie verraten und doch mehr in die Welt hinein gewirkt als die meisten seiner Kollegen. Und dies hat er dann doch sehr undeutschen Tugenden zu verdanken gehabt, der Toleranz nämlich und der Fantasie. Hans Werner Henze wird in diesem Sommer 75 Jahre alt. Geboren wird er im Jahr 1926 in Gütersloh, als ältestes von sechs Kindern des Lehrers Franz Henze und seiner Frau Margarete. Auch seine Kindheit verbringt er in Ostwestfalen, in Bielefeld und in Dünne, einem Dorf bei Bünde. Ländliche Enge wandelt den Vater vom Arbeiterchor-Leiter zum Nazi-Mitläufer. Doch schon als Junge sucht Henze sich seine eigene Freiheit, stiehlt sich zusammen mit einem Freund in den "Giftraum" der örtlichen Bücherei, liest verbotene Bücher: Trakl und Wedekind, Zweig und Brecht. Mit 16 darf er seiner Berufung folgen, erhält ein Stipendium für die Braunschweiger Staatliche Musikschule. In ihrem Orchester wird er Pauker. Der Vater fällt an der Ostfront, auch Henze wird noch für wenige Wochen eingezogen. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende geht, ist Henze 19 und die Welt steht ihm offen. Nicht in materieller Hinsicht, denn er muss sich als Transportarbeiter verdingen, aber in geistiger.

 

Alles, was die Nazis ihm vorenthalten hatten, nimmt er begierig in sich auf: Er hilft als Korepetitor am Bielefelder Theater aus, reist 1946 zum ersten der berühmten Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik, die die Zwölftontechnik in Deutschland bekannt machen. Wolfgang Fortner nimmt ihn für zwei Jahre in Heidelberg auf. Dort studiert Henze Kirchenmusik, weiterer Unterricht folgt bei Josef Rufer, aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrter Schönberg-Schüler in München, und dem Franzosen René Leibowitz. Gleich 1947 die erste Symphonie, noch neuklassischen Vorbildern verpflichtet. 50 Jahre später wird er seine neunte vollenden, zum Gedenken des toten Vaters, mit Texten aus dem antifaschistischen Roman "Das siebte Kreuz" der Anna Seghers - ein Stück, so vertrackt wie die deutsche Geschichte, die es reflektiert. Als sich das Klima in seiner geistigen Heimat Darmstadt wandelt, Dogmatismus an die Stelle musikalischer Vielfalt tritt, zieht Henze sich nach Italien zurück, bezieht ein kleines Haus auf der Insel Ischia. Es beginnt die Freundschaft mit der Dichterin Ingeborg Bachmann, in ihrer künstlerischen Bedeutsamkeit höchstens vergleichbar mit der zwischen Hofmannsthal und Richard Strauss. Libretti wird sie ihm schreiben (unter anderem für den "Jungen Lord" oder den "Prinz von Homburg"), er wird ihre Gedichte in Musik setzen, so in den fünf "Neapolitanischen Liedern", die er Fischer-Dieskau widmet, oder in den Nachtstücken und Arien für lyrischen Sopran und Orchester. Ihr Tod wird ihn tief bewegen, wie man überhaupt angesichts der Zugänglichkeit seiner Werke häufig genug vergisst, wie sehr auch die Schattenseiten der menschlichen Existenz in Henzes Schaffen gespiegelt werden, wie zum Beispiel in der "Royal Winter Music" für Gitarre aus dem Jahr '76.

 

In den politischen Verwerfungen der späten Sechziger bezieht Henze klar Position: ganz links. Nicht links genug, um Steine zu werfen, weswegen ihn manche einen Salonmarxisten schimpfen. Links genug, um sein Oratorium "Das Floß der Medusa" dem Andenken des kubanischen Revolutionärs Che Guevara zu widmen, was wiederum das Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks und den RIAS-Kammerchor zur Absage der Uraufführung veranlasst. Dabei hätte eine Revolution mit Henze bestimmt Spaß gemacht. Sein ebenfalls politisch inspirierter "El Cimarrón" für Bariton, Flöte, Schlagzeug und Gitarre ist jedenfalls eine karibisch-farbige Angelegenheit. Vielleicht hat Henze sich gerade deswegen als undogmatischer Avantgardist bewähren können, weil er nie nur komponiert hat. Er ist immer auch ein großer Anreger gewesen, sei es beim 1976 von ihm gegründeten Festival "Cantiere internazionale d'arte" im toskanischen Montepulciano oder dem wichtigsten Treffpunkt für moderne Oper, der Münchner Biennale für neues Musiktheater, die er 1988 ins Leben rief. Die Weite des Denkens und der künstlerische Ernst dieses großen Individualisten der deutschen Musik bleiben immer wieder neu zu entdecken.