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01.03.2001

Allein in New York: Mikhail Pletnev

Michail Vasil’evič Pletnëv, Allein in New York: Mikhail Pletnev

Im März spielt Mikhail Pletnev in drei deutschen Städten: Berlin, Leipzig und Köln. Auf CD kann man ihn jetzt schon live hören - aus der Carnegie Hall in New York.

"Für mich ist jedes Konzert eine Lektion, fast eine Prüfung." Hier spricht kein ehemaliger Klosterzögling. Aber Mikhail Pletnev ist Russe, ist Pianist, ist Dirigent und Komponist. Bekommt man das alles nur mit asketischer Disziplin und exerzitienhafter Strenge gegen sich selbst unter einen Hut? Die Bilder zeigen etwas anderes: einen gelassenen Weltreisenden in den Straßen von Manhattan. Im hellen Mantel so cool wie Columbo, löst er seine Fälle zielstrebiger als Peter Falks Schlamperschnüffler. "Ich erteile mir selbst Lektionen. Und bei jeder dieser Aufgaben geht es darum, das Potenzial in mir ganz zu entfalten." Wie also gelingt es einem, zur Weltklasse der Pianisten aufzusteigen, zu dirigieren, selbst zu komponieren und dabei stets Klavierkonzerte zu geben, die international Furore machen?

 

Erste Antwort: Konzentration. Mikhail Pletnev hat wenig übrig für den Glanz und Glamour des Showgeschäfts. Das lenkt ab vom Wesentlichen. Er ist Purist, setzt ganz und ausschließlich auf die elementare Kraft der Musik. Wer ihn im Konzertsaal erlebt, spürt das bereits nach den ersten Takten. "Mein Ziel ist es, die Dinge bei jedem Konzert natürlicher, spontaner und beredter zu gestalten." Hier ist einer am Werk, der sich ganz einlässt auf "die göttliche Tätigkeit des Musizierens" wie er es nennt. Ernsthaft und ein bisschen altmodisch klingt das. Und es passt doch zu dem Mann im Trenchcoat, der nur zurückhaltend in die Kamera lächelt. Schüchtern fast. Die Musik soll sprechen, nicht er. Das beste Beispiel ist sein aktuelles Recitalprogramm, mit dem er in der Carnegie Hall - in der er bereits am Pult seines Russischen Nationalorchesters gastierte - als Pianist debütierte: vier Scherzi von Chopin, Bachs "Chaconne" für Violine in der Busoni-Transkription und, als Kernstück des Abends, Beethovens Opus 111. Hier liegt die zweite Antwort: persönliche Begeisterung. "Ich spiele nichts mehr, das ich nicht von Anfang bis Ende spüre".

 

Mit der großen Beethoven-Sonate beschäftigte er sich schon mit 18. Als er dann 1978 noch zu Sowjet-Zeiten den irrwitzig schweren Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau gewann, war der 2. Satz der Sonate Teil seiner Kür. Aber erst bei seinem ersten Recital in Moskau spielte er Beethovens großes Opus 111 zum ersten Mal öffentlich. Ein vorsichtiger Umgang mit einem komplexen Werk. Das passt zu Mikhail Pletnev, der seine Stücke auswählt wie seine Worte: skrupulös, nachdenklich, stets auf den Zusammenhang bedacht. Aber keine Missverständnisse, bitte: Bedächtig ist nicht langsam, vorsichtig nicht langweilig. Dieser Mann entfaltet eine Hingabe am Klavier, tobt mit Leidenschaft über die Tasten - atemlos verfolgt man das bei seinen Einspielungen wie im Konzertsaal, wo seine Musikalität die Menschen von den Sitzen reißt. Mikhail Pletnev singt ein paar Takte Frank Sinatra: "I did it my way" - Also, lasst ihn doch ans Klavier!