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14.02.2001
Giuseppe Verdi

Der Bär in der Oper: Auftakt zum Verdi-Jahr

Giuseppe Verdi, Der Bär in der Oper: Auftakt zum Verdi-Jahr

Giuseppe Verdis Opern erlebten ihre Uraufführungen in Paris, St. Petersburg und Kairo genauso wie in Mailand, Rom und Neapel. Der Bauerssohn aus Busseto wurde mit seinen Opern reich, weltläufig und zum "großen alten Mann" im italienischen Kulturleben.

Die halbe Bevölkerung Mailands, Tausende von Menschen, hatte sich auf der Straße versammelt, um Giuseppe Verdi die letzte Ehre zu erweisen. Verdi war am 27. Januar 1901 im Alter von 87 Jahren gestorben. Als er am 30. Januar in einem vorläufigen Grab beigesetzt wurde, war die Beerdigung ganz schlicht. Denn Verdi hatte angeordnet, dass es keine Musik geben dürfe und - um Himmels willen - niemand weinen solle. Doch als man einen Monat später die sterblichen Überreste des Komponisten in die Casa di Riposa überführte - da wurde nicht einer dieser Wünsche respektiert. Aus der Menge ertönte plötzlich ein Choral, erst leise, dann immer lauter. Man sang "Va pensiero" - "Flieg, Gedanke, getragen von Sehnsucht" -, den mächtigen Freiheitschor aus "Nabucco", der Verdi sechzig Jahre zuvor zu einem nationalen Symbol gemacht hatte.

 

Ja, Verdi war ein Symbol. Tief verwurzelt in der italienischen Operntradition setzte er Stoffe in Musik, die von den Italienern, seit Jahrhunderten unter fremder Herrschaft, politisch gedeutet werden konnten und gedeutet wurden. Patriotische Opern wie "Il corsaro" (1848) oder "Battaglia di Legnano" (1849) katapultierten ihn mitten in die Widerstandsbewegung des Risorgimento. Sein Name diente der Bewegung gegen die österreichische und französische Fremdherrschaft 1859 sogar als politische Losung: Verdi - das wurde gelesen als V(ittorio) E(manuele) R(è) D'I(talia) und war ein klarer Aufruf zur Einigung Italiens unter einem eigenen, nationalen König.

 

Doch in der Hauptsache war es seine Musik, die ihn über eine politische Funktion hinaus bei allen populär gemacht hatte. Arien aus seinen Opern nahmen den Charakter von Massenschlagern an. Bei Opernaufführungen wurden sie minutenlang gefeiert, man sang sie in den Osterien und auf der Straße, und selbst die Kinder pfiffen die Melodien. Der Ruhm der italienischen Oper, seit Rossinis europaweiten Erfolgen ohnehin der größte Exportschlager des Landes, wuchs mit Verdis Produktion beträchtlich.

 

Im Herbst 1841 gelangte "Nabucco" an der Mailänder Scala zur Uraufführung. Der Abend wurde ein Riesentriumph für Verdi und seine spätere Lebensgefährtin Giuseppina Strepponi, die damals die Abigaille sang. In den folgenden Jahrzehnten, die Verdi selbst seine Galeerenjahre nannte, eroberten seine Werke die bedeutendsten Opernhäuser Italiens. Doch dass auch ihm, dem Erfolgsgewohnten, nicht alle Auftragskompositionen zu musikalischen Meisterwerken gerieten, dessen war sich Verdi bewusst. Das italienische Operngeschäft war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts - und ohne Frage auch danach - eine durchweg kommerzielle Angelegenheit. Aber Verdi beherrschte die Regeln von Publikumserfolg und Ökonomie. Die italienische Oper, so wie sie war, verhalf dem Komponisten zu Ruhm und Ansehen weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus. Und sie machte ihn wohlhabend. Verdi - ganz im Gegensatz zu Wagner, der das Geld anderer Leute dazu gebrauchte, sich selber Denkmäler zu schaffen - wusste nur zu gut, wie weh es tat, mit wenig Geld auszukommen: Mit seinem Kapital finanzierte er Krankenhäuser und entwickelte die Idee für ein Musiker-Altersheim. 1888 wurde das von ihm gestiftete Krankenhaus in Villanova in der Nähe von Busseto eröffnet. Die "Casa di Riposo dei Musicisti" in Mailand entstand 1899 nach seinen eigenen Plänen und wurde mit den Tantiemen aus seinen Opern unterhalten.

 

Wie andere ein Unternehmen führen, so arbeitete Giuseppe Verdi, der "Bär", wie er sich selbst bezeichnete, an seinem Opern-Lebenswerk: Angetrieben von einem schonungslosen Tatendrang, den er oft mit Krankheitsanfällen bezahlen musste, komponierte er eine Oper nach der anderen, arbeitete um, stimmte neue Libretti mit vorhandener Musik ab. Nach dem Einstiegserfolg mit "Nabucco" entstanden in den 50er Jahren der Reihe nach "Rigoletto", "Il trovatore", "La traviata", "I vespri siciliani" und "Simon Boccanegra". Der italienische Opernkomponist war, wie Rossini wenige Jahre zuvor, in ganz Europa begehrt. Er dirigierte seine Werke in London und Paris und reiste 1862 sogar bis nach St. Petersburg, wo er "La forza del destino", ein Auftragswerk für das Kaiserlich-Italienische Theater, zur Uraufführung brachte. Nach der "Aida" (1871) legte Verdi zwar eine längere Pause in seinem Opernschaffen ein, komponierte aber weiterhin: Es entstanden nicht nur das Requiem, sondern auch eine Reihe bemerkenswerter Instrumental- und Vokalkompositionen.

 

Universal feiert Verdi nicht nur mit etlichen Neuveröffentlichungen und einer umfangreichen Palette renommierter Einspielungen. Jetzt erscheint auch die neue Verdi-Edition mit insgesamt 56 CDs in drei handlichen Boxen, zu der Philips, Decca, Deutsche Grammophon und die EMI ihre Schätze beigesteuert haben: Box I widmet sich dem jungen Verdi, Box II den Opern der mittleren Jahre und Box III enthält die späten Werke. Das Frühwerk "Alzira" , kaum je eingespielt, wird hier noch vor der Einzelveröffentlichung mit Fabio Luisi und dem Orchestra de la Suisse Romande zu hören sein. Unter den historischen Aufnahmen sind einzigartige und unübertroffene Interpretationen: Dazu zählen die Einspielungen der frühen Opern unter der Leitung des italo-schwedischen Dirigenten Lamberto Gardelli, die hinreißende Aufnahme des "Oberto" unter Sir Neville Marriner und die maßstabsetzenden Dirigate von Riccardo Muti ("I vespri siciliani"), Sir Georg Solti ("Simon Boccanegra", "Aida") und Herbert von Karajan ("Otello", "Falstaff"). Vergleichsweise weniger bekannt, aber ungemein hörenswert sind Aufnahmen der Frühwerke "Giovanna d'Arco" mit Montserrat Caballé und Plácido Domingo in den Hauptrollen sowie "Attila" mit Sherrill Milnes und Carlo Bergonzi.

 

Verdis letzte Oper wurde "Falstaff", die in der Verdi-Edition mit Karajans kraftvoll-extrovertierter Einspielung würdig vertreten ist. Der fast 80-Jährige komponierte einen mitreißenden Ausbruch an Heiterkeit - zog einen furiosen Schlussstrich unter ein Lebenswerk, das fast nur aus musikalischen Tragödien besteht. Verdi zeigt sich hier mit einem ungemein ausgereiften Stil: karikierende Motive, die Harmonik auffallend schlicht, dabei die Instrumentierung raffiniert ausbalanciert. Unter der oft knallig inszenierten Oberfläche einer derben Burleske blitzt die kammermusikalisch-intime Komödie: Falstaff muss am Ende über sich selbst lachen: "Alles ist Spaß auf Erden", verkündet er und kann doch nicht leugnen, dass er der betrogene, geschlagene, verspottete Lüstling ist. So schwankend ist der Boden, auf dem diese Oper steht. Die Tragödie in der Komödie und die Komödie in der Tragödie - eine Ambivalenz, die sich wie ein großer Bogen durch die Bühnendramen Verdis zieht. Sie werden noch lange Stoff für spannende Inszenierungen sein.