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14.02.2001

Ein Mozart mit mehreren Unbekannten: Christopher Hogwood

Christopher Hogwood, Ein Mozart mit mehreren Unbekannten: Christopher Hogwood

Wie frech darf man Mozart spielen? Robert Levin hat sich diese Frage nie gestellt. Er spielt dreist seine eigenen Ergänzungen zu Mozart und bleibt doch den Quellen treu.

Robert Levin ist ein Perfektionist. Als er begann, sich mit Mozarts unvollendeten Kompositionen zu beschäftigen, schrieb er darüber seine Doktorarbeit. Und als er den Zyklus von Beethoven-Klavierkonzerten mit Sir John Eliot Gardiner und dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique einspielte, wählte er für jedes der fünf Konzerte ein anderes Klavier. Ein aufwändiges Unterfangen? Reiner Verschleiß an Instrumenten? "Jedes Werk verlangte nach einem anderen Timbre", erklärt Robert Levin und setzte seine Akribie bei den Mozart-Aufnahmen mit Christopher Hogwood und der Academy of Ancient Music fort. Acht CDs mit Werken für Klavier und Orchester von Wolfgang Amadeus Mozart sind in dieser Zusammenarbeit bereits erschienen, jetzt wird die neunte veröffentlicht: vier von Mozarts frühesten Klavierkonzerten, KV 37 und 39 bis 41. Für die bisherigen Aufnahmen benutzte Levin fünf verschiedene Instrumente. "In Salzburg spielten wir KV 450 und KV 537 auf Mozarts eigenem Walter-Klavier ein. Es ist überhaupt das erste Mal, dass dieses Instrument zusammen mit einem Orchester auf CD zu hören ist." Doch für die neueste Aufnahme wählte er ein Cembalo, statt des üblichen Klaviers und Fortepianos. Er spielte die vier Klavierkonzerte aus dem Jahr 1767 auf einem Nachbau von Mozarts doppelmanualigem französischem Instrument aus der Werkstatt von Goermans/ Taskin ein.

 

Aber Robert Levin ist ein höchst unorthodoxer Perfektionist. Manche nennen es anmaßend, wenn er in Konzerten nicht nur Verzierungen, sondern ganze Kadenzen, die virtuosen Schlussimprovisationen, frei extemporiert. "Das hat nichts damit zu tun, dass ich ungenügend finde, was Mozart selbst komponierte", zitiert Levin die häufigste Kritik. "Aber Kadenzen sollen überraschen. Und das gelingt nicht mehr, wenn jeder Mozartliebhaber heute die Kadenzen bereits kennt." Deshalb spielt er seine eigenen. Wie zu Mozarts Zeiten improvisiert er sie in jedem Konzert neu. Plötzlich ist da etwas von Mozarts eigenem Showtalent zu spüren - sehr erfrischend, wie Kritik und Publikum einhellig finden. Und mittlerweile haben sich auch die Orchester, denen diese Praxis einiges abfordert, daran gewöhnt. "Bei den letzten Takten gebe ich mit dem Kopf ein Zeichen, das Orchester hat Zeit mitzuzählen - und alle sind entspannt bei der Sache." Für Christopher Hogwood und die Academy of Ancient Music nach acht gemeinsamen Aufnahmen sowieso. Aber für Überraschungen sorgt Levin selbst bei CD-Einspielungen: "Ich improvisiere bei jeder Aufnahmesitzung neu und überlasse es dem Produzenten, für welche Kadenz er sich schlussendlich entscheidet." Ein Mozart-Interpret mit der perfekten Lust am Unbekannten.