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14.02.2001
John Eliot Gardiner

Mein Jahr mit Bach: Sir John Eliot Gardiner

John Eliot Gardiner, Mein Jahr mit Bach: Sir John Eliot Gardiner

Im Bach-Jahr spielt Sir John Eliot Gardiner Johann Sebastian Bach. Keine große Überraschung bei einem der Pioniere Alter Musik. Doch Gardiner spielt Bach im doppelte Sinne: An 80 Tagen im Jahr führt er Bachs Kantaten auf - an den Tagen im Kirchenjahr, für die sie bestimmt sind und in den Orten, wo Bach wirkte.

Nicht jeder wächst unter den kritischen Augen von Johann Sebastian Bach auf. Sir John Eliot Gardiner schon. Im Haus seiner Eltern hing während der Kriegsjahre das berühmte Bach-Porträt von Haußmann zur sicheren Aufbewahrung - und der kleine John fand, wie er erzählt, Meister Bach "ziemlich gespenstisch. Aber wenn man den Blick von der Nase beginnend nach unten wandern lässt, sieht man einen sehr verständnisvollen, einfühlsamen Mann; ganz anders als Augen, Nase und Perücke des seriösen Thomaskantors vermuten lassen." In Bachs Musik sieht Gardiner einen ganz ähnlichen Gegensatz: "Zwei unterschiedliche Ebenen durchdringen sich: Eine horizontale aus Melodie und Kontrapunkt und auf der vertikalen Ebene der tanzende Rhythmus von unglaublicher Bewegtheit und Schwung." Während auf der ganzen Welt das Bach-Jahr mit Aufführungen seiner großen Einzelwerke gefeiert wird, widmet sich Sir John Eliot Gardiner Bachs Broterwerb: "Für mich liegt Bachs Seele in den Kantaten, die er jede Woche im Dienst der Kirche schrieb."

 

Obwohl von allen Kantatenkompositionen lediglich zwei Drittel erhalten sind, bilden sie die größte Einzelgruppe in Bachs umfangreichen Oeuvre Schon früh gehörten sie für den Kirchenmusiker Bach zu seinen Arbeitsaufträgen für die Gemeinde: Bereits 1712 in Weimar schrieb der Vertrag des 27-jährigen Konzertmeisters vor, dass er für jeden Sonn- und Feiertag eine neue Kantate zu schreiben hätte. Bach war zwar ein Freund umfangreicher und systematischer Projekte, aber in seinem turbulenten Haushalt stand nicht allein die Kantatensammlung hinter den aktuellen Tagesaufgaben zurück. So fand er erst, als er 1723 nach Leipzig ging, wieder Gelegenheit, den Kantatenzyklus systematisch fortzusetzen. Es entstanden pro Jahr ungefähr 60 Kantaten, je eine für jeden Sonn- und Feiertag des Kirchenjahres - das ganze mal fünf. Denn neben all seinen anderen Verpflichtungen hielt Johann Sebastian Bach diese Arbeit tatsächlich fünf Jahreszyklen durch.

 

Die erhaltenen 198 Kantaten gehören zu den größten Schätzen der abendländischen Musik. Dass aber nur eine Handvoll von ihnen richtig bekannt ist und häufiger aufgeführt werden, war für John Eliot Gardiner ein wichtiges Motiv für sein Jahresprojekt. Er wird dabei mit dem Monteverdi Choir und den English Baroque Soloists ähnliche Arbeitsphasen durchlaufen, wie sie für Bach, seine Familie, den Chor und das jeweilige Orchester üblich waren: "Wir imitieren Bachs Arbeitsrhythmus. Er komponierte Montag und Dienstag die Kantate für den folgenden Sonntag. Mittwochs ging wahrscheinlich das Chaos im Bach-Haus los: Alle Söhne mussten helfen, Noten schreiben - schließlich gab es ja keine Fotokopierer. Donnerstag die ersten Proben mit dem Knabenchor, Freitag mit den Instrumenten, am Samstag dann Hauptprobe, Sonntag früh um 7 Uhr Gottesdienst. Dann um 11 Uhr und abends um 18 Uhr die einzigen Aufführungen.

 

Und montags ging alles von vorne los. Diesen Rhythmus wollten wir selbst erleben." Fest stand, dass die "Pilgerreise" in Deutschland beginnen musste. Am 23. Dezember startete Gardiner mit den Weihnachtskantaten in der Weimarer Herderkirche, weitere Konzerte in Berlin, Leipzig und Hamburg folgten. "Einen gelungeneren Auftakt zum Bach-Jahr hätte man sich kaum wünschen können", kommentierte "die Welt" das Hamburger Konzert und das "Hamburger Abendblatt" schrieb: "Was Gardiner mit seinen Ensembles an diesem Abend bot, ließ allen Streit über den historisch korrekten Bach-Stil schlagartig verstummen."

 

Jetzt ist die Konzerttournee bereits voll in Fahrt und mit ihr die Veröffentlichung der Kantaten auf CD. Denn nicht nur die Aufführungen, auch die Veröffentlichungen des 12 CDs umfassenden Kantatenzyklus wurden - soweit das möglich ist - auf den Ablauf des Kirchenjahres abgestimmt. So erscheinen jetzt im ersten Veröffentlichungs-Set die Begräbniskantaten (BWV 106, 118b und 198), die Kantaten für den 3. Sonntag nach Epiphanias (BWV 72, 73, 111 und 156) und die neu eingespielten Osterkantaten (BWV 6 und 66).

 

Lesen Sie auch zu den Alben das Interview mit Sir John Eliot Gardiner.