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14.02.2001

Es lebe die Willkür des Augenblicks: Robert Levin, Christopher Hogwood

Robert Levin, Es lebe die Willkür des Augenblicks: Robert Levin, Christopher Hogwood

Robert Levin ist ein ungewöhnlicher Musiker. Schließlich erlebt man nicht täglich, dass ein Pianist auf Themen aus dem Publikum frei fantasiert - im Mozartstil.

Manches Lob erzählt mehr über die Ängste von Musikhörern als über die Qualität einer Einspielung: "Hier kommt nie das Gefühl auf, in die Falle eines wildgewordenen Musikwissenschaftlers geraten zu sein." Und doch sprach die Londoner Szene-Zeitschrift "Time out" damit aus, was viele Zuhörer und Kritiker überraschte, als Christopher Hogwood und Robert Levin ihre erste Einspielung von Mozart-Klavierkonzerten vorstellten: dass Mozart gleichzeitig quellengetreu und sehr frei interpretiert werden kann.

 

Wenn Robert Levin über Mozarts Konzerte "für Tasteninstrumente" - wie er es nennt - spricht, dann beginnt er mit einer schier unendlichen Liste von Eigenschaften, um Mozarts musikalische Sprache zu umschreiben. Sie sei "eine Synthese aus Eleganz, Charme, koboldhaftem Schalk, Wagemut, operettenhafter Dramatik, Pathos und Tragödie". - Ein denkbar weit gespannter Bogen ganz gegensätzlicher Inhalte. Für ihn folgt daraus, dass die Aufführung der Klavierkonzerte sich die Momente der Spontanität und der Direktheit wieder neu erobern muss; keine Interpretation eines "festgelegten musikalischen Textes", die allein den Idealen der Klangschönheit und Perfektion verpflichtet ist. Robert Levins Beschäftigung mit den Klavierkonzerten ist gründlich in jeder Hinsicht. Zum einen ist die jetzt vorgelegte Einspielung bereits der siebte Teil der Serie von Mozart-Klavierkonzerten, die er mit Christopher Hogwood und der Academy of Ancient Music aufgenommen hat. Zum anderen geht jeder Einspielung die intensive Auseinandersetzung mit historischen Quellen voraus. Er analysiert Handschriften in den verschiedensten Bibliotheken und untersucht zeitgenössische Berichte von öffentlichen und privaten Klavierkonzerten.

 

Levin berichtet, dass neben den Kadenzen und Verzierungen auch die Orchesterpassagen der Klavierkonzerte vom Solisten improvisiert wurden. Aus Mozarts Autographen ist zu ersehen, dass die linke Hand die Stimme des Kontrabasses verdoppelt, während die rechte eine Begleitung improvisiert. Diese Praxis für eine CD-Einspielung nachzuempfinden, erscheint zunächst paradox. Doch Levin und Hogwood nahmen Unsicherheiten in Kauf, und gewannen Frische und Unmittelbarkeit. Nicht nur wurden alle Verzierungen und Kadenzen improvisiert, auch die Akzente in der Solorhetorik wurden von einem Aufnahme-Take zum anderen neu gesetzt. Als es an die Zusammenstellung der CD ging, konnte der Produzent, Chris Sayers, unter einer Vielzahl von Interpretationen und Improvisationen auswählen. "Die Willkürlichkeit eines bestimmten Augenblicks zu bewahren", ist die Absicht von Levin und Hogwood. Gerne mehr Willkür - wenn dabei für die Musik soviel zu gewinnen ist.