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28.05.2001

Jazz around the House - Matthew Herbert's "Bodily Functions"

Jazz around the House - Matthew Herbert's Bodily Functions

Der Londoner House-Produzent und Sound-Tüftler Matthew Herbert wendet sich auf seinem aktuellen Album "Bodily Functions" stärker denn je dem Jazz zu, und verliert zunehmend das Interesse an funktionalen Dance-Tracks.

Matthew Herbert kann getrost als einer der vielseitigsten Produzenten der Elektronik-Welt bezeichnet werden. Unter verschiedenen Pseudonymen (Herbert, Dr. Rockit, Radioboy, Wishmountain) arbeitet er seit beinahe einem Jahrzehnt an der permanenten Innovation der elektro-akustischen Musik. Seine Arbeit ist seit jeher Sampler-basiert, allerdings unterscheidet er sich insofern stark von der Masse seiner Kollegen, als dass er es seit Anbeginn vermieden hat, bereits existente Musik, also fremde Quellen zu benutzen. Was allgemein üblich, in vielen Fällen überhaupt erst Produktions-konstituierend ist, weil die Mehrzahl der Produzenten geringe musikalische Kenntnisse besitzt, sie also nach bereits gegebener Musik greifen, lehnt Matthew Herbert kategorisch ab.

Das geht soweit, dass er seine Haltung in einem, allerdings nur für ihn geltenden "Manifest zur Wahrung der Originalität zu jedem Zeitpunkt" niedergeschrieben hat. In diesem Grundsatzpapier wird jegliche Benutzung fremder Quellen verboten, desweitern jeglicher Gebrauch von synthetischen Sounds, die akustische Instrumente nachbilden untersagt. Geräusche in jeglicher Form hingegen sollen soviel als möglich in den Produktionsprozess einfließen, ebenso wie der Fehler oder Zufall. Zudem müssen alle benutzten Samples nach Gebrauch von seiner Festplatte gelöscht werden, um eine Zweitverwertung auszuschließen. (Das Manifest kann auf seiner Homepage www.matthewherbert.com eingesehen werden) Diese radikalen Thesen, die er zum Zwecke der Innovation aufstellt, führen in seiner Arbeit zu einem erstaunlichen, charakteristischen und faszinierenden Klang. Rhythmen werden aus knisternden Tüten, scheppernden Tellern, Löffelklappern, Türenschlagen oder ähnlichem erstellt (Als Dr. Rockit trat er 1996 mit seiner komplett nachgebauten Küche in Clubs auf und begeisterte mit einem Live-gesampelten und gesequenzten Konzert, in dem er keine Drummachines, sondern nur die Klänge der Küche benutzte) Seine House-Tracks sind geprägt von warmen Rhodes-Flächen, Klaviertupfern und der bezaubernden Stimme Dani Sicillanos und ließen schon auf den letzten Veröffentlichungen eine große Affinität zum Jazz erkennen.

Auf "Bodily Functions" entdeckt Herbert nun, wie bereits erwähnt den Jazz in einer viel strengeren Weise als bisher für sich. Unbearbeitet. Live gespielt und völlig frei. Jazz nicht als Sample, sondern als durcharrangierte Komposition. Aller Raum gehört den Instrumenten. Die fipsige Perkussion nur noch leise im Hintergrund, wie eine Erinnerung aus vergangen Tagen.

Der Sampler ist aus. Die Band spielt. Jack De Johnette trifft Bill Evans. Erst nach und nach dringt die Manipulation wieder durch, lugt Herbert durch die Maschinen, stretcht die Band, filtert, fiept, klappert. Überall sind Harmonie und Komposition. Klassische House-Strukturen sind komplexen Bewegungen gewichen. "Auf dem gesamten Album ging es darum, von diesem Zwei-Akkord-Schema weg zu kommen. "Around The House" (Phonography, 1998) besteht eigentlich nur aus zwei Akkorden pro Song. Das machen jetzt so viele. Nicht, dass sie das kopieren würden, aber ich habe einfach genug davon gehört. Für mich war es eine Herausforderung, dieses feste Schema zu brechen, ob das dann noch House ist, oder nicht ist unwichtig".

Die Vorstellung von Club passt nicht mehr so recht zu dem, was da erklingt. Wärme, Wohlklang, Konzentration und Ruhe dominieren "Bodily Functions" auf der Herbert einen großen Schritt vom House-Produzenten zum Komponisten, Jazz-Liebhaber, Songschreiber vollzogen hat. Ein sanftes Album ist entstanden, dass an manchen Stellen wie das Alterswerk eines Menschen klingt, der den Club, die Nacht und den Rausch hinter sich lässt, aber all das in Jahren genossen und in sich aufgesogen hat. Der starke Bezug auf klassischen Jazz erklärt sich aus der Tatsache, dass Herbert in den letzten Jahren Jazz-Unterricht genommen hat. Das so gewonnene Wissen hat ihn zu seinem ursprünglichen Ausgangspunkt zurückgebracht: dem Songwriting.

"Jazz war die goldene Zeit des Songwritings. Jazz-Standards aus den Vierzigern gehören einfach zum Besten, dass je geschrieben wurde. Ich möchte Songs schreiben, die du überall spielen kannst, du brauchst nur ein Klavier und deine Stimme dazu. Richard D. James (Aphex Twin) wird irgendwann vergessen sein, weil seine Tracks so abhängig von der Ästhetik der Zeit sind. Bob Dylans Songwriting hingegen ist unvergesslich, obwohl er nur die Stimme und seine Gitarre benutzt. Nun, in meiner Arbeit versuche ich beides zu kombinieren. Songwriting, das mit den Möglichkeiten der digitalen Aufnahme und Bearbeitung zu einem einzigartigen Sound verschmilzt."

Die Aufnahmen zum neuen Album haben ihn viel Mühe, Zeit und einen Haufen Geld gekostet. Verschiedene Musiker aus der Londoner Jazz-Welt standen ihm zu Diensten und haben Spur um Spur auf seine Festplatte gespielt. Aus diesem Material hat er erstaunlich authentisch klingende Songs produziert, die beim ersten Hören verblüffen, gleichzeitig jedoch einen schalen Beigeschmack haben, überlegt man sich was dort genau geschieht. Einerseits formuliert er wie oben ausgeführt These um These zum Zweck der permanenten Innovation, andererseits schlägt er auf seinem neuen Album einen Weg ein, der direkt in das Klischee und die Sackgasse von Jazz mündet, sich in Gefälligkeiten und tausendfach wiederholten Standards ergeht und so genau den Umkehrschluss, nämlich einen Rückschritt vollzieht.

Wenn man bedenkt, dass in seiner Arbeit der Fehler oder Unfall als Konzept im Mittelpunkt steht, wie auch der Name seines Labels "Accidental Records" unterstreicht, er Fehler im allgemeinen als "Lieferant für Menschlichkeit in einer sterilen Welt" begreift und ihr Auftauchen im Produktionsprozess als zu fokussierendes Moment, weil Innovationsgarant ansieht, wird der gewählte Umgang mit dem Genre Jazz fraglich. Denn eben hier lässt er keine Fehler mehr zu. Indem er Jazz auf Harmoniefolgen und Groove reduziert, die Improvisation eliminiert und statisch Instrument für Instrument einspielen lässt, beraubt er Jazz einer seiner treibenden Kräfte, und die Freiheit, um die es im Jazz immer gegangen ist bleibt auf der Strecke. Zudem bedient er sich hier eines Ansatzes, der paradoxer Weise durch Diebstahl entstanden ist, als also Produzenten mit Hilfe des Samplers zumeist Intros oder Themen zu Tracks zusammenfügten, meisterhaft von Kollegen wie Gregory Fleckner (Clear), As One (Mo Wax), oder auch St. Germain bewiesen.

Desweiteren scheint Herbert davon auszugehen, dass Jazz eine strukturelle Angelegenheit sei, wenn er sagt: "Ich bin in der glücklichen Lage, mein gesamtes bisheriges Leben damit zugebracht zu haben, diese Musik zu studieren. So weiß ich jetzt einfach, wie sie funktioniert. Und jeden Tag versuche ich es besser zu machen." Dass er weiß, wie Jazz strukturell funktioniert ist keine Frage. Allerdings ging es gerade auch in diesem Genre immer mehr um die Missachtung von Strukturen und Konventionen, als um das Einhalten von Regeln. Ob er also mit dem Rückgriff auf eine Jazz-Ästhetik zwischen Cool Jazz und Fusion als Innovateur bezeichnet werden kann, ist zweifelhaft. Vielmehr könnte man ihm vorwerfen, er ziehe sich in Gefälligkeiten zurück, auch wenn sein Album auf der anderen Seite nach wie vor mehr Entdeckungen und kongeniale Soundstrukturen bietet, als die meisten im House-Bereich und für Jazz-Liebhaber sicher einige akustische Überaschungen bietet.

Mit seinem musikalischen Ansatz gehört Herbert zudem den Produzenten und Musikern, die das Überschreiten der Genres als Herausforderung ansehen. Auch wenn er dabei teilweise hinter seinen selbstgesteckten Zielen zurückbleibt, gehört er ohne Frage zu den Figuren, die das musikalische Feld permanent zu erweitern suchen, ohne dabei in unverständliche Avantgarde-Spielerein zu verfallen. Bei seinen grandiosen Liveshows stößt er das House-Publikum immer wieder vor den Kopf, wenn er beispielsweise über weite Strecken ausschließlich mit Akkordeon performt und die Beats vermissen lässt. Es sei allen Lesern der Besuch eines Konzertes von Herbert&Dani Siciliano ans Herz gelegt. Es gibt kaum Shows, die soviel Wärme, Liebe und gleichzeitig soviel Experimentierfreudigkeit versprühen, wie diese.

Das Album "Bodily Functions" ist bereits auf K7! erschienen.
Remixes von Herbert für Nils Petter Molvaer sind auf der CD "Recoloured" sowie als 12inch "Solid Ether- the Remixes" erschienen.
Serge Gainsbourg's "Bonnie & Clyde" remixed by Herbert ist auf der Compilation I Love Serge bei Universal Jazz erschienen.