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11.10.2018
Kim Kashkashian

Ewiger Fluss – Kim Kashkashian spielt Bach

Sie gilt als eine der versiertesten Bratschistinnen der Gegenwart. Jetzt veröffentlicht Kim Kashkashian beim Münchener Label ECM New Series ein Album mit Bachs Cellosuiten, die sie in die helleren Gefilde der Bratsche mitnimmt.

Kim Kashkashian, Ewiger Fluss – Kim Kashkashian spielt Bach © Caterina Di Perri / ECM Records Kim Kashkashian

Wenn man die Cellosuiten von Johann Sebastian Bach hört, dann kommt es einem bisweilen vor, als ob es sie schon von Ewigkeit her gibt, als seien sie der natürlichste Hintergrund, der vorstellbar ist, ein kosmischer Fluss von Klängen, der nie enden kann.

"Universelle Heimat im Klang": Kim Kashkashian und Bach

Das setzt allerdings eine poetische Weltbetrachtung voraus, in der die sanft fließenden Momente überwiegen und die Dinge harmonisch aufeinander bezogen sind, so vielfältig sie auch sein mögen und so widersprüchlich sie sich auf den ersten Blick auch geben. Dass bei Bach viele Fäden zusammenlaufen, ist bekannt. Der Barockkomponist besaß die Gabe zu einem universellen Klangkosmos, in dem höchst unterschiedliche Elemente miteinander verschmelzen. Das betont auf ihre ganz eigene Art auch Kim Kashkashian im Booklet zu ihrem neuen Album:

"Ob in der Höhle des Minotaurus oder in der Kathedrale von Chartres", so die Bratschistin in eindringlichen Worten, "Bach leitet uns durch alle Labyrinthe und führt uns zu immer neuen Ein- und Ausblicken, während wir uns dem geheimnisvollen, wunderbaren Schnittpunkt nähern, wo Kunst und Handwerk eins werden, wo das Streben frei von Verlangen ist und wo aus ungreifbaren Elementen wie Energie, Resonanz und Raum eine konkrete Architektur und eine universelle Heimat im Klang entsteht."

Hellere Farben: Die Cellosuiten auf der Bratsche

Doch wie entsteht eine "universelle Heimat im Klang"? Und wie nimmt sie in einer musikalischen Interpretation Gestalt an? Kim Kashkashian nähert sich dem Ideal, indem sie das Augenmerk auf den sanften Fluss der Cellosuiten legt. Sie vermeidet jegliche Überpointierung, jegliche zu starke Geste, die die Einheit der Suiten zersprengen könnte. Dabei zeichnen sich Bachs harmonische Strukturen in ihrem Spiel klar ab. Bei Kashkashian verschwimmen keine Differenzen.

Dennoch entsteht der Eindruck einer ewig fließenden, meditativen Folge von Tönen, die ganz auf das verbindende Element dieser Musik setzt. Dabei kommt der US-amerikanischen Bratschistin die im Vergleich zum Cello hellere Tonlage der Bratsche entgegen. Es ist, als ob in diesen Höhen und kraft des flüssigen Spiels der Bratschistin alles Störende, Grübelnde zum Verschwinden gebracht ist und die Suiten in ihrer schwebenden Transzendenz existieren dürfen.

Plötzlicher Swing: Kontraste

Kim Kashkashian weiß aber auch Kontraste zu setzen. So staunt man nicht schlecht über einige swingartige Passagen, die etwa in der Courante der zweiten und sechsten Suite durchbrechen. Zwar ist die Courante ihrem Wesen nach schnell, aber zu den Cellosuiten schwingt man bekanntlich nicht das Tanzbein. Hier wippt man dann aber plötzlich unwillkürlich mit, ohne dass dadurch auch nur ein Minimum von der transzendenten Gesamtstimmung des Albums genommen wäre.   

Überraschend ist die Reihenfolge der Suiten auf dem Album. Es geht nicht, wie gewohnt, mit der optimistischen, unbekümmert daherkommenden in G-Dur los, sondern mit der tiefsinnigen zweiten in d-Moll. Dann erst folgt die berühmte erste, bevor an dritter Stelle die melancholischste aller Suiten erklingt, nämlich die in c-Moll, die bei Bach erst an fünfter Stelle rangiert. Es folgen auf der zweiten CD die beschwingteren Suiten Nr. 4, 3 und 6.

Man kann hierin eine Aufteilung in einen eher dunklen und einen eher hellen Teil der Suiten erblicken. Dadurch, dass die Suite in d-Moll den Anfang macht und die in c-Moll weiter nach vorne rutscht, setzt sich jedenfalls früh schon das Gefühl eines größeren Ernstes, einer andachtsvolleren Grundstimmung fest, die mit der unbeschwerten, den Gesamteindruck stark prägenden in G-Dur an erster Stelle so nicht aufkommt.

Zudem hört man die Suite in G-Dur wesentlich feierlicher, wenn man die in d-Moll im Rücken hat. Kim Kashkashian hat gegenüber der ZEIT-Redakteurin Christine Lemke-Matwey gesagt, dass die Idee zu dieser Neuanordnung von Manfred Eicher, dem Gründer des ECM-Labels, kam und sie ihm darin "glücklich gefolgt" sei. Man darf gespannt sein, welche Eindrücke dieses Arrangement bei den Hörerinnen und Hörern auslöst.