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04.10.2018
ECM Sounds

Utopie der Moderne – Wuchtiges Oratorium von Jörg Widmann

Der Münchener Klarinettist und Komponist Jörg Widmann hat zur Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie ein Oratorium komponiert. Jetzt veröffentlicht ECM New Series einen Live-Mitschnitt der gefeierten Uraufführung dieses Werkes.

ECM Sounds, Utopie der Moderne – Wuchtiges Oratorium von Jörg Widmann Hannes Rathjen / ECM Records Kent Nagano, Jörg Widmann

Ein Auftragswerk birgt immer Risiken. Der Impuls kommt von außen. Geld und Renommee stellen auch für den ehrenwertesten Komponisten eine Versuchung dar. Fast automatisch erhebt sich die Frage nach der künstlerischen Legitimität.

Der entscheidende Einfall: Das Bild der Arche

So musste sich auch Jörg Widmann die Frage vorlegen, was er zu den Eröffnungsfeierlichkeiten der Elbphilharmonie beizutragen hat. Als er den Auftrag zu einer Komposition erhielt, war er eine Zeitlang ratlos – bis er schließlich zu dem Gebäude pilgerte und den seinerzeit noch nicht fertiggestellten Konzertsaal betrat. Der Eindruck war überwältigend. Widmann spürte sofort eine besondere Atmosphäre in dem Raum. Der Saal schien ihm vom Geist der Demokratie beseelt zu sein.

"Selbst vom weitest entfernten Sitzplatz empfindet man sich immer noch als ein Teil des Ganzen", so der Komponist im Booklet zu seinem gerade erschienenen Album. Von außen betrachtet wirkte das Gebäude wie ein Schiff auf ihn, und das Innere des Baus trat ihm schließlich wie der Schiffsbauch einer Arche entgegen. "Wieder im Tageslicht angelangt, ließ mich die Arche-Idee nicht mehr los", so Widmann weiter, "der Ton dieser zu komponierenden Musik war mir ganz deutlich, als ich den Raum verließ."

Monumentale Collage: Zeichen der Versöhnung

Dem Komponisten schwebt ein Oratorium vor. Es soll die abendländische Geschichte zum Klingen bringen und dabei sowohl auf die christlichen Wurzeln Europas rekurrieren als auch das utopische Potenzial der Aufklärung wachrufen. Widmann setzt sich an die Arbeit und komponiert eine monumentale Collage für Soli, Chor, Orgel und Orchester. Höchst unterschiedliche Stile und Textbausteine fließen in der Komposition zusammen.

Es ist, als wollte der Komponist sagen, dass in Europa alles mit allem zusammenhängt und der heillos zerstrittene Kontinent sich mit sich selbst versöhnen kann. Dabei wirbt Widmann deutlich für die seiner Ansicht nach noch nicht abgegoltenen Ideen der Aufklärung. Am 13. Januar 2017 erklingt Widmanns Oratorium "Arche" in der Elbphilharmonie. Das Publikum reagiert enthusiastisch. Vielleicht spürt es, dass Europa am Scheideweg steht.

Utopie der Moderne: Widmanns zeitgemäße "Ode an die Freude"

Jetzt erscheint als Doppel-Album beim Münchener Label ECM New Series ein Live-Mitschnitt der denkwürdigen Uraufführung, an der neben zwei Gesangssolisten, zwei Kindern als Sprechern, zwei Pianisten und einer Organistin der Chor der Hamburgischen Staatsoper, die Audi Jugendchorakademie, die Hamburger Alsterspatzen und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Kent Nagano beteiligt waren. Das große Aufgebot wirkte dabei wie ein Symbol für die klangliche Einheit des Vielfältigen.

Die Musik selbst spiegelt indes auch den beschwerlichen Weg zu mehr Versöhnung, für Widmann eine Utopie, deren Verwirklichung unsere ganze Anstrengung fordert. Schon die kosmisch anmutenden Klangeruptionen des Orchesters im "Fiat Lux / Es werde Licht" und die dort mächtig einbrechenden Chorpassagen machen deutlich, dass es in der Schöpfung nicht gewaltlos zugeht. Die "Sintflut" ruft, zum Teil mit Orgelbrausen und mahnendem Trommelwirbel, unsere Vernichtbarkeit in Erinnerung.

Erst in "Die Liebe" mehren sich sanfte Töne. Es folgt ein tief intoniertes "Dies Irae", bevor Kinderstimmen das Alphabet zu skandieren beginnen und in Jubel ausbrechen. Wir sind jetzt bereits im abschließenden "Dona nobis pacem", das melodische und erhabene Moment enthält und in dem Aufruf gipfelt, der Mensch möge nicht auf die Götter setzen, sondern auf sich selbst vertrauen. Da drängt sich der Eindruck auf, dass Widmann eine zeitgemäße "Ode an die Freude" komponiert hat.