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23.08.2018
Ólafur Arnalds

Ólafur Arnalds und seine selbst spielenden Klaviere

Auf seinem neuen Solo-Album "re:member" wird der preisgekrönte isländische Komponist zum Pionier einer neuen musikalischen Produktionsweise.

Ólafur Arnalds, Ólafur Arnalds und seine selbst spielenden Klaviere © Benjamin Hardman Ólafur Arnalds

Ein neues Album als (Wieder-)geburt, als Befreiungsschlag? Ólafur Arnalds behauptet, mit seinem vierten Solo-Oeuvre  "re:member"  nochmals aus dem Ei geschlüpft zu sein, die Fesseln der Konventionen durchschlagen zu haben.

Nach seinem letzten Studio Album "Island Songs" und dem Soundtrack zur britischen Kult-TV-Krimiserie "Broadchurch", nach unendlich gefeierten Club- und Festival-Auftritten seines Techno-Projekts Kiasmos, gilt der Anfang-30-Jährige in der internationalen Musikszene als feste Größe, als erfindungsreicher Fackelträger und individualistischer Experimentalist. Kompromisslos verkündete Arnalds am Ende seiner letzten Tour, er würde nicht mehr solo auftreten, bevor er neues Originalmaterial eingespielt habe. Dann hatte er einen Unfall, der alles auf den Kopf stellte.

Krise als Chance 

Arnalds verletzte sich an der Hand, der Unfall beschädigte einen Nerv. "Ich konnte ein Jahr lang nicht mehr Piano spielen und wusste nicht, ob es überhaupt jemals wieder gehen würde, ich war wie gelähmt." Jahre zuvor hatte bei einer gemeinsamen Tournee mit dem großen japanischen Musiker Ryuichi Sakamoto seine von selbst spielenden Pianos bewundert. Das erzählte er einem Freund, dem Audio-Entwickler Halldór Eldjarn, und die Idee einer wegweisenden neuen Audio-Software war geboren. Das von ihnen entwickelte Kompositions-Tool mit Namen "Stratus" generiert im Wechselspiel von drei Pianos (eines von Hand angeschlagen, die anderen beiden via Midi-Technologie angesteuert) wunderbare Sequenzen. In einem Frage-Antwort-Schema zwischen Musiker und Software entstehen erstaunliche Patterns und Klangstrukturen.

Die Patterns der Stratus-Pianos bilden das Rückgrat von "re:member" 

Im Stück "they sink" spielt Arnalds mit einer Hand eine aus Quinten bestehende Bassfigur. Die Stratus-Pianos erwidern mit wohlig abwärts sinkenden Glissandi. Crescendierende Streicher füllen den Raum dazwischen aus. Ein subsonischer Bass markiert aus der Ferne die Eins. Das meditative Ambient-Stück könnte allein schon die Hälfte eines Albums füllen. Arnalds lässt es nach zweieinhalb Minuten ausklingen, er hat noch zu viele andere Ideen.

Integraler Bestandteil von "re:member" ist für ihn das Titelstück. Aufgenommen in den Londoner Air-Studios und instrumentiert mit drei Konzertflügeln, Streichquartett, Synthesizer, elektronischen Effekten und Schlagzeug, baut es einen voluminösen Spannungsbogen auf, von grazilen Piano-Akkorden über aufwirbelnde Streicher bis hin zu einem dramatischen elektronischen Finale. Die Beats spielte der isländische Hip-Hop-Produzent Bngerboy ein, dessen Einfluss noch andere Stücke von "re:member"  prägt. Ein anderer Kollaborateur des Albums ist der britische Singer-Songwriter/Produzent Sohn auf dem Stück "unfold".

"re:member" macht mit dem Hörer merkwürdige Dinge, trägt ihn durch diverse Stimmungen, nimmt ihn mit auf eine Reise. Das Album fußt dabei auf den Eckpfeilern seiner bisherigen Arbeit: der Komposition, dem Soundtrack, dem Pop und Clubsound des Isländers. Er arbeite immer gleichzeitig an ganz verschiedenen Projekten, kommentierte Arnalds. Hier habe er die verschiedenen Strömungen ungefiltert weiter verarbeitet.

"re:member" spielt im Grenzbereich von Komposition und smarter Technologie

Man könnte Arnalds' experimentelle Vorgehensweise subversiv finden, wenn er seine Melodien nicht mehr selbst auskomponiert, sondern im Grenzbereich zwischen menschlicher Komposition und einer intelligenten Technologie (mit-)spielt, einem kreativen Roboter die Hand reicht und mit ihm in eine musikalische Utopie aufbricht wie in einem Science-Fiction. Ganz so ist es aber auch nicht, denn die Musik von Arnalds hatte immer- und hat auch hier einen klar erkennbaren Sound. Hier hält er fest die Fäden in der Hand. "Sound und Melodie sind eins", sagt er. Eine Melodie existiert niemals ohne einen Sound. Klingt simpel, ist es aber nicht. "Wenn ein Komponist eine Melodie auf ein Blatt Papier aufschreibt, dann ist sie eine Idee", erklärt er. Um emotional zu wirken, müsse sie einen Klang bekommen, betont Arnalds, der in seinem zutiefst emotional wirkenden neuen Album – neben dem Komponisten, Multi-Instrumentalisten und Tontechniker – nun auch den Audio-Software-Architekten in sich zum Leben erweckte.